Die oft vergessenen Gewinner des KI-Booms
Alle sprechen über KI-Modelle, doch der Boom macht auch die Industrie wieder spannend. Weitaus weniger Aufmerksamkeit erhalten jedoch die Unternehmen, die die «Spitzhacken und Schaufeln» liefern, die all dies überhaupt erst ermöglichen.
Ein modernes Rechenzentrum ist eine spezialisierte Fabrik. Es verbraucht enorme Mengen an Strom, erzeugt erhebliche Abwärme und kann sich keine Ausfälle leisten. Die Internationale Energieagentur erwartet, dass sich der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 mehr als verdoppeln wird. Das bedeutet mehr Kabel, Transformatoren, Kühlsysteme, Notstromversorgung und Bauarbeiten.
Der Chatbot braucht einen Maschinenraum
Die erste Ebene befindet sich im Rechenzentrum selbst. Vertiv liefert Systeme für Energiemanagement und Kühlung. Trane Technologies stellt gross dimensionierte Kühlsysteme bereit, darunter Flüssigkeitskühlungen, die die Wärme leistungsstarker Chips ableiten. Schneider Electric und Eaton bilden das elektrische Herz des Gebäudes. Sie liefern Schaltanlagen, Energieverteilung und Notstromsysteme, die den Strom sicher zu Tausenden von Servern transportieren. Legrand ergänzt dies um kleinere, aber unverzichtbare Komponenten wie Stromverteilungssysteme, Serverschränke und Verbindungstechnik.
Ruben Dalfovo, Investment Strategist, Saxo BankHinter jeder intelligenten Antwort steht ein weit weniger glamouröses industrielles System, das dafür sorgt, dass die Lichter anbleiben, die Chips kühl bleiben und die Versprechen der künstlichen Intelligenz überhaupt physisch umgesetzt werden können.
Diese Unternehmen profitieren von einer einfachen Tatsache: Mehr Rechenleistung erzeugt mehr Wärme und benötigt mehr Strom. Ein besseres KI-Modell mag digital sein, doch die zugrunde liegende Infrastruktur bleibt hartnäckig physisch. Server mögen Hitze, Stromausfälle und Improvisation nach wie vor nicht. Die jüngsten Geschäftszahlen stützen diese Entwicklung. Schneider berichtet von starkem Wachstum, getragen vom Geschäft mit Rechenzentren. Eaton meldet einen deutlichen Anstieg der Bestellungen im US-amerikanischen Kerngeschäft für elektrische Infrastruktur, während Vertiv weiterhin ein rasantes Umsatzwachstum verzeichnet. Der Markt hat dies erkannt – die Chance ist daher weniger verborgen, als die Überschrift vermuten lässt.
Künstliche Intelligenz trifft auf das Stromnetz
Die zweite Ebene beginnt ausserhalb des Gebäudes. Rechenzentren können so viel Strom benötigen wie ein kleiner Industriestandort, doch die Stromnetze wurden nicht dafür ausgelegt, dass die Nachfrage so schnell ansteigt. Siemens Energy und GE Vernova verkaufen Turbinen, Transformatoren, Schaltanlagen und Netztechnik. Ihre Produkte helfen dabei, Strom zu erzeugen und dorthin zu transportieren, wo er benötigt wird. Beide Unternehmen verzeichnen eine starke Nachfrage, die teilweise auf den Ausbau von Rechenzentren zurückzuführen ist. ABB bietet Elektrifizierungs- und Automatisierungstechnik für Fabriken, Gebäude und Versorgungsunternehmen an. Das zeigt, warum das Thema weit über künstliche Intelligenz hinausreicht. Dieselbe Technik unterstützt auch den Ausbau der Stromnetze, die Erweiterung von Fabriken und die fortschreitende Elektrifizierung. Künstliche Intelligenz ist nur einer von mehreren Wachstumstreibern. Hinzu kommen alternde Stromnetze, das Streben nach Energiesicherheit und Investitionen in die Industrie. Diese Mischung könnte die Nachfrage langfristig robuster machen, erschwert jedoch zugleich die Bewertung dieser Unternehmen mit einem einzigen Etikett.
Die Bauunternehmen hinter den Bauunternehmen
Die letzte Ebene ist die Umsetzung. Quanta Services baut und modernisiert Stromnetze. Comfort Systems installiert elektrische Anlagen sowie Heizungs- und Kühlsysteme in komplexen Gebäuden, darunter auch Rechenzentren. Diese Unternehmen profitieren, wenn aus Ankündigungen tatsächliche Bauprojekte werden. Gleichzeitig machen sie den Engpass sichtbar. Geld allein baut kein Rechenzentrum. Projekte benötigen qualifizierte Fachkräfte, Genehmigungen, Transformatoren und Netzanschlüsse. Lange Wartezeiten können zwar die Preissetzungsmacht der Zulieferer stärken, sie können aber auch Umsätze verzögern und Kosten erhöhen.
Risiken: Auch Fabriken unterliegen der Schwerkraft
Das grösste Risiko sind die Erwartungen. Viele Industrieunternehmen, die vom KI-Boom profitieren, sind längst keine Geheimtipps mehr, und ihre Bewertungen könnten bereits von Jahren eines reibungslosen Wachstums ausgehen. Eine Abschwächung der Investitionen in künstliche Intelligenz würde die Auftragseingänge belasten. Verzögerungen beim Netzausbau könnten Projekte verschieben, während Fachkräftemangel und Engpässe bei Ausrüstung die Gewinnmargen unter Druck setzen könnten. Anleger sollten daher das Auftragswachstum, Lieferzeiten, den Cashflow und die Frage beobachten, ob sich Auftragsbestände tatsächlich in profitable Umsätze umwandeln.
Der Boom hinter dem Boom
Künstliche Intelligenz macht die Industrie vielleicht wieder spannend, doch das macht nicht jedes Industrieunternehmen automatisch zu einem Gewinner. Die stärksten Unternehmen werden knappe Produkte, zuverlässige Lieferung, vernünftige Preisgestaltung und eine Nachfrage vereinen, die über einen einzelnen Technologiezyklus hinausgeht. Die Lehre lautet nicht, bekannte Entwickler von KI-Modellen zugunsten weniger beachteter Maschinenbauer aufzugeben. Vielmehr gilt es, die gesamte Wertschöpfungskette im Blick zu behalten. Hinter jeder intelligenten Antwort steht ein weit weniger glamouröses industrielles System, das dafür sorgt, dass die Lichter anbleiben, die Chips kühl bleiben und die Versprechen der künstlichen Intelligenz überhaupt physisch umgesetzt werden können.