Vom Öl-Schock zum Investment-Strategie-Check: Wer jetzt klug handelt, gewinnt

Die Lage rund um den Persischen Golf bleibt fragil und angespannt. Welche Wendungen der Kriegsverlauf nehmen wird, ist kaum fundiert abzuschätzen. «In diesem Umfeld erachten wir das Denken in Szenarien weiterhin als essenziell. Dies hilft auch bei der adäquaten Einordnung der möglichen Auswirkungen auf Konjunktur und Finanzmärkte», erklärt Santosh Brivio, Leiter Economic Research der Migros Bank.

Die Eskalation im Nahen Osten hat sich in den vergangenen Wochen zu einem offenen Krieg mit regionaler Dimension entwickelt. Im Zentrum steht die Konfrontation zwischen den USA und Israel auf der einen sowie dem Iran und seinen Stellvertretergruppen auf der anderen Seite. Luft- und Raketenangriffe auf militärische und sicherheitsrelevante Ziele im Iran, Gegenangriffe mit Drohnen und Raketen auf Israel und US-Stützpunkte sowie Attacken auf Energie- und Hafeninfrastruktur am Golf markieren eine neue Stufe der Auseinandersetzung.

Belastung für Konjunktur und Finanzmärkte
«Der Konflikt ist längst nicht mehr lokal begrenzt, sondern wirkt über Seewege, Energiepreise und Risikoprämien tief in die Realwirtschaft der grossen Wirtschaftsblöcke hinein», erklärt Santosh Brivio, Leiter Economic Research der Migros Bank. Aktuell sind zentrale Luft- und Seewege im Nahen Osten spürbar gestört, insbesondere rund um die Strasse von Hormus, durch die ein wesentlicher Teil des globalen Öl- und Flüssiggasexports läuft. Angriffe und Drohungen gegen Tanker, Terminals und Offshore Infrastruktur haben die Risikoprämien im Schiffsverkehr erhöht und physische Lieferketten fragiler gemacht.

Safe-Haven Assets wie der Schweizer Franken, US-Treasuries, deutsche Bundesanleihen und Gold gewinnen massiv an Attraktivität.

Santosh Brivio, Leiter Economic Research, Migros Bank

Die Folge ist ein markanter Preisanstieg bei Öl und – vor allem in Europa – auch bei Erdgas. Die Notierungen liegen wieder auf Niveaus, die zuletzt 2024 erreicht wurden. Gleichzeitig mehren sich Berichte über Umschichtungen in sichere Häfen: Staatsanleihen hoher Bonität, der Schweizer Franken und Gold erfahren erhöhte Nachfrage, während Aktien in zyklischen Sektoren unter Druck geraten.

Szenarien-Analyse: Das weniger schlechte…
«Für die unmittelbare Weiterentwicklung der Lage unterscheiden wir derzeit zwei Hauptszenarien, die sich punkto Eintrittswahrscheinlichkeit mittlerweile kaum mehr unterscheiden», erklärt Brivio. «Das glimpflichere Szenario unterstellt dabei eine begrenzte Eskalation. In diesem Fall setzen sich die Militäraktionen in den kommenden Wochen zwar fort, begrenzen sich jedoch überwiegend auf militärische Ziele und punktuelle Angriffe auf Infrastruktur. Die Schifffahrt durch die Strasse von Hormus bleibt vorerst massiv gestört und kann zwischenzeitlich immer wieder komplett zum Erliegen kommen. Diplomatische Verhandlungen führen schrittweise aber zu Deeskalationsschritten oder zumindest zu inoffiziellen Feuerpausen. In einem solchen Umfeld dürften die Energiepreise zwar länger erhöht bleiben, aber nach dem initialen Schock graduell wieder nachgeben, sobald die Marktteilnehmer Vertrauen in die physische Verfügbarkeit der Lieferungen zurückgewinnen.» Was würde das für die Konjunktur bedeuten? Dazu Brivio: «Realwirtschaftlich würde dieses Szenario in Europa und insbesondere in Deutschland eine Verlängerung der ohnehin schwachen Konjunkturphase bedeuten. Höhere Energie- und Importpreise belasten die Realeinkommen der Haushalte und die Margen der Industrie, ohne dass die Belastung ausreicht, um einen flächendeckenden Einbruch der Aktivität auszulösen. Für die Schweiz fällt der Effekt gedämpfter aus: Die geringere Energieintensität, die diversifizierte Branchenstruktur und der starke Franken wirken als Puffer, auch wenn Exportindustrien über schwächere Auslandsnachfrage und höhere Vorleistungskosten in Mitleidenschaft gezogen werden. In den USA fängt die Kombination aus hoher Eigenproduktion von Öl und Gas und einer robusteren Binnenkonjunktur einen erheblichen Teil des Schocks auf; dort resultiert eher ein Wachstumsdämpfer als ein Wendepunkt in Richtung Rezession. In Asien leiden vor allem die grossen Energieimporteure, doch profitieren exportorientierte Volkswirtschaften teilweise von der anhaltenden Nachfrage nach Gütern, solange der globale Handel nicht substanziell eingeschränkt wird.» Finanzmarktseitig bedeutet dieses Basisszenario anhaltend erhöhte Volatilität, jedoch kein systemisches Stressereignis. «Die Aktienmärkte würden zwischen der Sorge um Margen und Wachstum auf der einen und der Erwartung geldpolitischer Zurückhaltung auf der anderen Seite schwanken», erläutert Brivio. «Besonders empfindlich reagieren zyklische Sektoren wie Industrie, Chemie, Tourismus und konjunktursensitive Konsumwerte, während Energie-, Versorger- und Infrastrukturwerte durch das höhere Preisniveau und erhöhte Investitionen in Versorgungssicherheit gestützt werden. Die Kapitalmärkte wiederum preisen eine Mischung aus leicht höheren Inflationserwartungen und schwächerem Wachstum ein, was tendenziell zu einer stärkeren Differenzierung nach Bonität führt: Unternehmensanleihen geringerer Qualität und Emittenten aus energieabhängigen Schwellenländern müssten mit höheren Risikoaufschlägen rechnen, während Staatsanleihen der Kernländer und erstklassige CHF-Obligationen als Stabilitätsanker fungieren.»

…und das schlechte Szenario
Demgegenüber steht das ökonomisch gravierende Eskalationsszenario. In diesem «Worst Case» weitet sich der Konflikt zu einem echten Regionalkrieg aus. Angriffe auf Öl- und Gasinfrastruktur in Iran, Irak, Katar oder sogar Saudi-Arabien führen zu substanziellen und anhaltenden Produktions- und Exportausfällen. Gleichzeitig bleibt die Strasse von Hormus de facto für lange Zeit blockiert, was die physische Verfügbarkeit von Energie auf den Weltmärkten massiv einschränkt und die Transportkosten explodieren lässt. Der Energiepreisschock nimmt in diesem Szenario eine andere Dimension an: Statt eines temporären Preisaufschlags steht ein struktureller, über Monate anhaltender Angebotsengpass im Raum. Was würde das für die Konjunktur bedeuten? «Für die Realwirtschaft in Europa ist ein solches Szenario gleichbedeutend mit einem Rückfall in ein klares Stagflationsumfeld», urteilt Brivio. «Die ohnehin schwächelnde Eurozone rutscht mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine Rezession, die sich aufgrund der Trägheit von Investitions- und Konsumentscheidungen bis ins Jahr 2027 hineinzieht. Energieintensive Branchen streichen Investitionen oder verlagern ins Ausland, und der politische Druck auf neue Subventionen, Preisbremsen und Entlastungspakete nimmt stark zu, was die ohnehin belasteten Staatsfinanzen weiter strapaziert. Die Schweiz», so Brivio weiter, «ist in diesem Umfeld zwar leicht besser aufgestellt als die meisten Nachbarn, aber vor starken Nachfragerückgängen im Export, verschlechterten ‹Terms of Trade› und zunehmenden Spannungen am Arbeitsmarkt nicht gefeit. Die USA können dank eigener Ressourcenlage einen Teil des Schocks abfedern und sogar von höheren Energieexporterlösen profitieren, werden aber über höhere Zinsen, schwächere Konsumnachfrage und Finanzmarktverwerfungen dennoch deutlich belastet. In Asien stellt ein solcher Schock ein erhebliches Risiko für energieabhängige Schwellenländer dar, in denen Währungsabwertungen, steigende Inflationsraten und höhere Refinanzierungskosten in eine gefährliche Wechselwirkung treten könnten.»

Panikreaktionen sind unbedingt zu vermeiden.

Santosh Brivio

An den Finanzmärkten löst ein solcher «Worst-Case»-Pfad eine aggressive Flucht in Qualität aus. «Aktienindizes gäben deutlich nach, insbesondere in Europa und in exportorientierten Volkswirtschaften; Risikoaufschläge für Unternehmensanleihen, High-Yield-Emissionen und Staatsanleihen schwächerer Schuldner stiegen kräftig», erklärt Brivio. «Safe-Haven Assets wie der Schweizer Franken, US-Treasuries, deutsche Bundesanleihen und Gold gewönnen massiv an Attraktivität. Gleichzeitig würde die Geldpolitik in einem Dilemma stecken: Einerseits spräche die Rezessionsgefahr für Lockerung, andererseits hielten hohe Energie- und Lebensmittelpreise die Inflation über Ziel. Die Wahrscheinlichkeit eines ‹policy errors› – also einer geldpolitischen oder fiskalischen Fehlkalibrierung – stiege deutlich, was die Volatilität in Zins- und Währungsmärkten zusätzlich anfachen könnte.»

Was sind die anlagemässigen Konsequenzen?
Für Anleger ist die entscheidende Frage, wie Portfolios angesichts dieser Szenarien positioniert sein sollten. «Grundsätzlich spricht vieles dafür, an der strategischen Ausrichtung festzuhalten, aber die Resilienz gezielt zu stärken», empfiehlt Brivio. «Dazu gehören eine breite Diversifikation über Regionen und Assetklassen, ein angemessener Anteil an Alternativen Anlagen, eine sorgfältig dosierte Beimischung von Energie-, Infrastruktur- und Qualitätsdividendentiteln sowie die Überprüfung der Exponierung gegenüber stark energieabhängigen Schwellenländern und zyklischen Branchen. Der Schweizer Franken bleibt ein zentraler Stabilitätsfaktor, reduziert aber die in Fremdwährung erzielbaren Renditen; Währungsrisiken sollten daher bewusst gesteuert, nicht zufällig eingegangen werden.» Sollte sich das Eskalationsszenario zusehends manifestieren, gewinnt ein defensiverer Kurs an Bedeutung. Wie die Migros Bank die damit einhergehenden taktische Allokationsänderungen umsetzen würde, entscheidet das Investment Office zum gegebenen Zeitpunkt unter Berücksichtigung der dann aktuellen Lage. «Doch auch dann gilt, was bereits heute Gültigkeit hat: Panikreaktionen sind unbedingt zu vermeiden», rät Brivio. «Denn gerade prozyklische Verkäufe qualitativ guter Anlagen in Phasen maximaler Unsicherheit haben sich historisch regelmässig als wertvernichtend erwiesen. Vielmehr ist es auch im Eskalationsszenario mehr als nur ratsam, das eigene Portfolio auf Krisenfestigkeit zu überprüfen und sich zugleich bewusst zu machen, dass geopolitische Schocks zwar heftig, in ihrer Realdauer für Märkte aber oft begrenzter sind, als es der emotionale Eindruck in der akuten Phase vermuten lässt.»

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