Politik, Katastrophen, Epidemien – die Börse lässt es kalt
Was auf der politischen und der Umweltebene auch immer passiert, die Finanzmärkte kümmerts nur kurzzeitig. Der Brexit, die Wahlen im Iran, der endlose Krieg im Irak haben die Märke jeweils nur kurzfristig bewegt. Covid-19 wird sie etwas länger beschäftigen, aber auch nicht allzu lange.
Danke, Covid-19 interessiert uns nicht. Lange haben sich die Börsen gegenüber dem Corona-Virus als völlig resistent gezeigt. In der Tat: Noch Mitte Februar 20, drei Monate nachdem das Virus erstmals im chinesischen Wuhan aufgetreten war, erreichten fast alle bedeutenden Aktienindizes der Welt neue Höchststände.
Erst mit der Verbreitung von Covid-19 in der westlichen Hemisphäre hat sich dies geändert. Unvermittelt dämmerte es den Marktteilnehmern, dass eine weltübergreifende Pandemie gravierende wirtschaftliche Folgen haben könnte. Und flugs korrigierten die Konjunkturauguren die Prognosen für das globale Wirtschaftswachstum um ein halbes Prozent und mehr nach unten.
If you panic, panic first
Damit stieg das Angstpegel der Marktteilnehmer in lange nicht mehr gekannte Höhen. Sie reagierten nach dem bei negativen Überraschungen bekannten Leitsatz «Rette sich, wer kann» Die zuvor so stabilen Aktienindizes brachen in der Folge weltweit um einige Prozentpunkte ein. Von CNN befragte Experten rechnen nun noch mit einer mindestens 10-prozentigen Korrektur an den Märkten. Einen veritablen Bärenmarkt halten sie dagegen für eher unwahrscheinlich.
Die Angsthasen werden kaum Recht bekommen. «Sowohl politische wie Katastrophen-Börsen haben nämlich kurze Beine!“, sagt eine bestbewährte Börsenweisheit. Will heissen, bei politischen Umbrüchen, Naturkatastrophen oder Pandemien mögen die Kurse zwar kurzfristig deutlich fallen. Doch meist kehren die Aktienbörsen relativ rasch zur Tagesordnung zurück. «Reverse to the mean», sagen die Ökonomen. Bereits einige Wochen oder Monate später hatten sich die Märkte von diesen Rücksetzern erholt. Auch der Kursverlauf der letzten fünf Jahre reiht sich nahtlos in dieses Grundmuster ein. Weder die Wahl des unberechenbaren Donald Trumps zum US-Präsidenten, noch der Brexit, noch die heftigen die Auseinandersetzungen der USA mit China und dem Iran oder die ständigen militärischen Provokationen Nordkoreas hatten längerfristige Börsentaucher zur Folge. Auch andere Hiobsbotschaften, wie die nie endende Kriege im Irak und Jemen haben nachhaltige Kurskorrekturen ausgelöst. Ganz im Gegenteil, trotz der immer wieder aufflammenden politischen Risiken kannten die Aktienkurse zwischen dem Frühjahr 2009 und Mitte Februar 2020 nur eine Richtung: nach oben.
Die Börse hat eine eigene Logik
Foutiert sich die Börse also ganz um die Politik, Pandemien und Katastrophen? „Ja“, sagt der US-Ökonom Richard Thaler: „Aktienkursbewegungen reflektieren eben etwas anderes als Nachrichten über fundamentale Werte“. Die US-Forscher David Cutler, James Poterba und Lawrence Summers haben es noch genauer wissen wollen und die fünfzig grössten Tagesausschläge des S&P 500 zwischen 1941 bis 1987 untersucht. Ihr Fazit: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen der historischen Bedeutung eines Ereignisses und dem Ausmass der Kursveränderungen. So führte etwa der leichte Herzinfarkt von Präsident Eisenhower am 26. September 1955 zu einem massiven Kursrückgang von 6,6 Prozent. Der Ausbruch der Kubakrise am 23. Oktober 1962 löste dagegen ein bescheidenes Minus von 2,7 Prozent aus. Tags darauf erholte sich der Index angeblich wegen eines Briefs des sowjetischen Parteiführers Chruschtschow um 3,2 Prozent.
Finanzmärkte lassen sich nur kurzzeitig verunsichern
Halt, werden da Kritiker einwerfen: Es gebe durchaus wichtige Ereignisse mit nachhaltigen Kursfolgen. In der Tat hatte der Einmarsch des Iraks in Kuwait am 2. August 1990 einen Kurstaucher des SMI um mehr als einen Viertel bis Januar 1991 zur Folge, der DAX büsste in dieser Zeit sogar über 30 Prozent ein. Stimmt, doch dies könnte ja bloss die Ausnahme sein, die die Regel bestätigt. Der S&P 500 zum Beispiel hatte sich damals nach einem kurzfristigen Absturz von 17 Prozent schon im Oktober 1990 wieder erholt. Eine Untersuchung der Credit Suisse bestätigt diese Vermutung: Die weitaus meisten bedeutenden geopolitischen Ereignisse – von der Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand vor 100 Jahren bis hin zu 9/11 und dem Brexit und dem Handelskrieg USA-China haben nur zu relativ bescheidenen Schwankungen an den wichtigen Aktienmärkten geführt. In aller Regel waren es höchstens 10 Prozent oder weniger. Zudem waren die Kurseffekte üblicherweise innerhalb etwa eines Monats vollständig wettgemacht. Bei der Kuba-Krise, während der für kurze Zeit ein globaler Atomkrieg drohte, kam es lediglich während einiger Tage zu seitwärtstendierenden Märkten. Darauf folgte eine starke Rally. Als die US-Aktienmärkte 9/11 nach einer siebentägigen Pause wieder öffneten, fielen sie nur kurz um knapp über 10 Prozent und konnten diese Verluste in etwas mehr als einem Monat wettmachen. Bei Einbrüchen, die mit Japans Angriff auf Pearl Harbor in Verbindunggebracht werden, zeigte sich ein ähnliches Bild. Verschiedene weitere tragische geopolitische Ereignisse - von den Afghanistan-Kriegen, den Auseinandersetzungen zwischen Israel und Palästina hin zum Lockerbie-Anschlag – hatten ebenfalls bloss beschränkte Auswirkungen auf die Märkte.
Richard Thaler, US-ÖkonomAktienkursbewegungen reflektieren eben etwas anderes als Nachrichten über fundamentale Werte
Nur gerade bei einer Handvoll Ereignissen stimmte diese Regel in den vergangenen hundert Jahren nicht, und selbst bei der Hälfte dieser Ausnahmen erholten sich die Kurse innerhalb von zwei bis drei Jahren. Laut CS bleiben also gerade noch drei geopolitische Vorfälle seit 1914, die massive und anhaltenden Auswirkungen auf die Finanzmärkte hatten: die deutsche Invasion Frankreichs 1940, der Ausbruch des Ersten Weltkrieges und der Jom-Kippur-Krieg mit der darauffolgenden Ölkrise. Diese Geschehnisse führten am US-Aktienmarkt zu Einbrüchen von 20 Prozent, 30 Prozent und 40 Prozent. Aber sogar diese markanten Rückschläge konnten innerhalb von ein bis drei Jahren wieder vollständig wettgemacht werden. Rasch verdaut waren auch die Rückschläge nach den bisher drei schwersten Pandemien der letzten 63 Jahre. Die asiatische Grippe von 1957/58, die weltweit rund eine Million Tote forderte, brachte der US-Börse leichte Verluste von 13 Prozent. In den drei darauffolgenden Jahren kletterte sie aber um 44 Prozent, bei der noch gravierenderen Hongkong-Grippe von 1968/70 und der Sars-Epidemie von 2002/03 waren ähnliche Ausschläge zu verzeichnen.
Kaufen, wenn die Kanonen donnern
Der nahe liegende Schluss für die Anleger aus diesen Marktreaktionen: Die allerschlechteste Reaktion ist es, Reissaus zu nehmen, wenn es brenzlig wird und sich panikartig von den Börsen zu verabschieden. Richtig wäre genau das Gegenteil: " Wenn sich alle aus den Märkten verabschieden, ist immer die beste Zeit zu kaufen ist", sagt Emerging-Market Spezialist Mark Mobius. „Kaufen, wenn Kanonen donnern“, umschreibt eine weitere oft zitierte Börsenregel diesen Rat. Auch die CS betont, eine konträre Anlagestrategie sei in schwierigen Zeiten gewöhnlich am profitabelsten. Durch politische Krisen verursachten Kursrückgängen sollte man also für Zukäufe nutzen. Wem ein solches Verhalten zuwider ist, kann sich auf eine weitere Börsenregel verlassen: „Politische Börsen haben kurze Beine“. Oder mit anderen Worten, Krisen werden an den Börsen schnell vergessen, Kurstaucher immer relativ rasch wettgemacht. Abwarten und Tee trinken, ist auf jeden Fall die bessere Taktik als den Märkten den Rücken zu kehren.