Abwartende Haltung an den Börsen
An den Märkten wird nicht daran gezweifelt, dass die Notenbanken die Kontrolle über die Inflation verlieren könnten. Die Stimmung an den Börsen ist dennoch abwartend.
An den globalen Finanzmärkten hat man schon hektischere Wochen erlebt. Der Mai sowie die ersten Tage im Juni verliefen grosso modo in geordneten Bahnen. Grössere Überraschungen blieben jedenfalls aus. Die Kursbewegungen innerhalb der verschiedenen Anlageklassen waren entsprechend unauffällig. Das Stimmungsbild könnte als abwartend bezeichnet werden. Investoren hatten Zeit zum Durchschnaufen, nachdem die ersten Monate des Jahres streckenweise recht turbulent verliefen. Ein wichtiger Grund für die relative Entspanntheit an den Börsen: die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen – der wichtigste Preis an den Finanzmärkten – entwickelt sich seit Wochen seitwärts im Bereich von 1,6 Prozent. Die reale Verzinsung ist sogar gesunken bzw. noch tiefer in den negativen Bereich geglitten – sowohl in den USA als auch in Europa. Deswegen hat sich die Zinsangst an den Märkten spürbar verringert. Verschwunden ist sie aber nicht. Doch dazu später mehr.
Rolf Biland, VZ-AnlagechefEin wichtiger Grund für die relative Entspanntheit an den Börsen: die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen – der wichtigste Preis an den Finanzmärkten – entwickelt sich seit Wochen seitwärts im Bereich von 1,6 Prozent.
Das Marktgeschehen wird weiterhin auch stark von den Erfolgen bei der Bekämpfung der Coronapandemie geprägt. Dank der Beschleunigung der Impfprogramme insbesondere in Europa haben sich die wirtschaftlichen Perspektiven weiter aufgehellt – und dem Euro wieder Rückenwind gegenüber dem US-Dollar verschafft. Die Impferfolge brachten den Aktienmärkten in Europa frischen Wind, auch in der Schweiz. Vor allem in den als zyklischen Märkten geltenden Ländern wie Frankreich, Spanien, Deutschland und Italien legten die Börsen in den letzten Wochen dynamischer zu als in den USA.
Die mit den Impferfolgen verbundenen Erwartungen, die wirtschaftlichen Beschränkungen immer weiter abzubauen, haben die Geschäftserwartungen in den letzten Wochen weiter verbessert. Wichtige Konjunkturindikatoren, wie die Einkaufsmanagerindizes, haben in den grossen Volkswirtschaften Rekordniveaus erreicht oder sind nicht mehr weit davon entfernt. Die Auftragsbücher im produzierenden Gewerbe sind prall gefüllt. Immer öfter ist zu hören, die Aufträge könnten nicht so rasch wie gewünscht abgearbeitet werden, da es aufgrund der nach wie vor gestörten Lieferketten an Basismaterialien mangle – und deswegen die Einkaufspreise steigen. Dass viele Rohstoffpreise angesichts des zu erwartenden Wirtschaftsbooms bereits seit Monaten in die Höhe schiessen, macht die Lage für viele Unternehmen nicht einfacher. Die entscheidende Frage ist, ob die Preissteigerungen auf der Produzentenebene stark und nachhaltig auf die Konsumentenebene durchschlagen werden, so dass die Notenbanken einschreiten müssten. Die Kerninflation, auf welche die Notenbanken ihren Fokus richten, liegt zwar in Europa noch unterhalb der kritischen 2-Prozent-Marke. In den USA wurde diese Marke aber bereits übersprungen (siehe Grafik).
Kerninflation in den USA springt hoch
Im April sprang die Kerninflationsrate in den USA auf 3 Prozent. Das zwingt die US-Notenbank aber nicht zum Handeln, denn die letzten Jahre lag die Kerninflation unterhalb von 2 Prozent.

Die US-Notenbank hat bereits vorgesorgt und sich im vergangenen Sommer ein symmetrisches Inflationsziel verpasst. Sie strebt eine Inflationsrate von durchschnittlich 2 Prozent über einen – nicht definierten – Zeitraum an. Da die Kerninflationsrate die letzten Jahre deutlich unter dieser Marke lag, könnte die US-Notenbank eine gewisse Zeit lang Inflationsraten von deutlich über 2 Prozent tolerieren, ohne ihr Mandat zu verletzen.
Für die Mitglieder der Notenbanken dies – wie jenseits des Atlantiks scheint die Sache klar zu sein: Die derzeit steigenden Inflationsraten seien eine Folge der Pandemie und nur temporär. Bereits im kommenden Jahr werde sich die Preisentwicklung wieder auf tieferen Niveaus einpendeln. An den Finanzmärkten wird ebenfalls nicht mit einem nachhaltigen Inflationsschub gerechnet – aufgrund des oben skizzierten Nachfragebooms und der gestörten Lieferketten. Verschiedene Terminkontrakte deuten zwar daraufhin, dass die Investoren für die nächsten 12 bis 18 Monate mit weiter steigenden Inflationsraten rechnen. Doch danach ist Schluss. Dass die Inflationserwartungen weiterhin fest verankert sind zeigt sich daran, dass die kurzfristigen Inflationserwartungen höher sind als die langfristigen.