White Collar – Arbeitszeugnis

«White Collar» ist unsere Satire-Kolumne über (Un-)Sinnigkeiten aus der Geschäftswelt. In der neuen Folge widmet sich Andreas Hönger dem Thema High-End-Abgang.

Bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses gibt es in der Regel ein wohlwollendes Arbeitszeugnis. Ein von der Belegschaft kollektiv ausgestelltes Zeugnis kann aber auch mal anders ausfallen. Nachfolgend ein illustratives Beispiel:

Arbeitszeugnis

Wir bestätigen, dass Herr Max Muster, von Musterhausen, geboren am 1.1.1968, vom 1. April 2020 bis 30. April 2022 bei uns angestellt war.

Max Muster war seit seinem Eintritt in unserer Bank als CEO angestellt. Sein Arbeitspensum betrug, zumindest gemäss Vertrag, 100%.

Als CEO bemühte er sich um die Gesamtleitung der Musterbank; insbesondere die Organisation, die Steuerung und die Kontrolle aller Bankaktivitäten.

Wir haben Herrn Muster als Narzissten erster Güte kennen gelernt, der sein fehlendes Fachwissen wirkungsvoll einsetzte und keinerlei Wille zeigte, sich in irgendeiner Art weiter zu entwickeln. Es war unmöglich, seine Fähigkeiten in unseren Aufgaben abzubilden. Pflichtbewusst und zielgenau tappte er von einem Fettnäpfchen ins Nächste. Er liess durch sein Wirken keine Chance ungenutzt, die Aufsichts- und Untersuchungsbehörden zu Ermittlungen zu motivieren, die regelmässig zu einschneidenden Massnahmen und Strafen gegen unsere Bank führten, deren Bearbeitung und Bezahlung uns noch viele Jahre beschäftigen werden. Positiv hervorzuheben ist sein irrationales Selbstvertrauen, mit dem er seine persönlichen Anliegen nachdrücklich vorbrachte, was sich auch in seinen exorbitanten, völlig ungerechtfertigten Bezügen manifestierte. Dabei war er begeisterter Anhänger von innovativen Arbeitsformen und -erleichterungen und der freien Arbeitszeiten. Er nutzte sie effizient, spesenwirksam und frauenfördernd für seine legendären Mittagessen und ausladenden Apéros.

In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.

Laurence J. Peter & Raymond Hull, Das Peter-Prinzip

Herr Muster zeichnete sich durch extravagantes unternehmerisches Handeln aus: Er ging neue Wege und verlor regelmässig die Ziele der Bank aus den Augen. Er verstand es hervorragend, vernetzt und über seinen Verantwortungsbereich hinaus zu denken, was zu vielen Spesenbelegen mit Kollegen, Freunden und potentiellen Kunden führte sowie eine beeindruckende Menge von Bestechungskonti zu Tage förderte. Ganz generell erledigte Herr Muster seine Aufgaben sehr besitzergreifend, insbesondere bezüglich Firmengeheimnissen und -gegenständen.

Seine Agilität durch Planlosigkeit und Desorganisation verursachte ein Chaos gigantischen Ausmasses, das gepaart mit dem völligen Fehlen von Prioritäten dazu führte, dass alle Mitarbeitenden ziel- und planlos dahin vegetierten und unzählige Kunden mangels Betreuung ihre Gelder von der Bank abzogen. Ebenso gelang es ihm ausgezeichnet, den Börsenkurs der Bank in seiner kurzen Laufbahn bei uns geradezu zu vernichten.

Positiv war, dass Herr Muster auch bei hohem Arbeitsvolumen seinen Einsatz nicht veränderte und mit Ausnahme der Tatsache, dass sich der unerledigte Pendenzenberg weiter erhöhte, er seinem Prinzip der Gelassenheit treu blieb.

Insgesamt können wir konstatieren, dass er in qualitativer Hinsicht völligen Unsinn und in quantitativer Hinsicht einen Schwall von Nichts abgeliefert hat. Er war zu Leistungen fähig, die in unserem Unternehmen ausnahmslos waren.

Als Vorgesetzter förderte Herr Muster ausnahmslos loyale Mitarbeiter, vor allem aber Mitarbeiterinnen, deren zahlreiche Klagen noch in Bearbeitung sind. Die von ihm nie verabschiedete Unternehmensstrategie gab er, im Rahmen seiner bescheidenen Möglichkeiten, an die Belegschaft weiter.

Durch Inkompetenz und Desinteresse gegenüber den Anliegen seiner Mitarbeitenden schuf er gepaart mit seinen Wutanfällen zugleich ein destruktives und überkompetitives Arbeitsklima. Besonders erwähnenswert ist seine fulminante Steigerung der Fluktuationsrate sowie der Fehlrate wegen Mobbing und Krankheit.

Kunden gegenüber galt Herr Muster als inkompetenter, unfreundlicher und missmutiger Ansprechpartner. Es war aber lobenswert, dass er spezifische Bedürfnisse bei entsprechendem finanziellen persönlichem Entgegenkommen im Rahmen seiner fachlichen und zeitlichen Möglichkeiten zu erfüllen suchte.

Herr Muster kommunizierte viel, völlig unklar, verdeckt und behielt seine eigene Agenda für sich. Seine primitive Sprache und unangemessene Offenheit trugen weiter zum katastrophalen Betriebsklima bei. In schwierigen Situationen verstand er es, streitsüchtig, unsachlich und unkooperativ zu bleiben. Besonders faszinierend war sein völlig absentes Verantwortungsbewusstsein.

Sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Mitarbeitenden, internen sowie externen Kunden war in jeder Hinsicht unbeschreiblich und pejorativ.

Herr Muster verlässt uns auf massivsten Druck unsererseits, was uns sehr erleichtert. Wir sind ausserordentlich froh, dieses finstere Kapitel in der über zweihundertjährigen Geschichte der Bank endlich erlösend beendet zu haben und machen uns nun an die gigantischen Aufräumarbeiten dieses Monuments eines Nichtsnutzes. Wir hoffen inständig, dass seine Glückssträhne im Arbeitsleben nun ein Ende hat und gerne entlassen wir Herrn Muster in sein verbleibendes, wohlverdientes Schicksal, das er alleine mit Gott, aber ohne uns, ertragen möge.

Musterbank

Die Belegschaft

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