Wenn Unsicherheit zur Anlageklasse wird
Zu Beginn des Jahres 2026 befinden sich die Finanzmärkte an einem Wendepunkt. Nach einem Jahr, das von wiederkehrenden politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Turbulenzen geprägt war, hat sich das weltweite Wachstum (+3,1%) als widerstandsfähiger erwiesen, als viele erwartet hatten. Hinter dieser scheinbaren Stabilität verbirgt sich jedoch ein strukturell fragiles Umfeld. Unsicherheitsindikatoren wie der World Uncertainty Index (WUI), bleiben zu Beginn des Jahres 2026 auf einem historisch hohen Niveau, ein klares Zeichen dafür, dass Unsicherheit nun zu einem festen Bestandteil der Investitionslandschaft geworden ist.
Die Politik und die Zentralbanken stehen weiterhin im Mittelpunkt der Marktdynamik, wobei die Vereinigten Staaten erneut eine zentrale Rolle spielen. Die geldpolitische Neuausrichtung der US‑Notenbank (Fed) sowie die bevorstehenden Zwischenwahlen rücken Geld- und Fiskalpolitik in den Fokus der Marktbeobachtung. Die Finanzmärkte dürften besonders sensibel auf die Kommunikation der Zentralbanken und deren wahrgenommene Glaubwürdigkeit reagieren. Gleichzeitig könnte das politische Umfeld im US‑Wahljahr 2026 zusätzliche fiskal- und wirtschaftspolitische Eingriffe begünstigen und damit weitere Unsicherheiten schaffen. Vor diesem Hintergrund dürfte die US‑Wirtschaft 2026 mit einem Wachstum von 2,1% widerstandsfähig bleiben, wenngleich zunehmenden Belastungsfaktoren ausgesetzt.
Arthur Jurus, Head of Investment Office, ODDO BHFDie Schweiz sticht weiterhin als eines der wenigen Länder mit robuster makroökonomischer Stabilität hervor.
Die Eurozone verzeichnete 2025 ein solides Wachstum von 1,4%, verlor jedoch aufgrund der anhaltenden Schwäche des Industriesektors, der politischen Fragmentierung und der Handelsspannungen an Dynamik. Die Konjunkturmassnahmen in Deutschland sowie die Erhöhung der Infrastruktur- und Verteidigungsausgaben auf nationaler und supranationaler Ebene dürften 2026 zu einer leichten Erholung führen. Da die Inflation voraussichtlich leicht unter dem Zielwert von 2% liegen wird, dürfte die Europäische Zentralbank kurzfristig keine geldpolitischen Anpassungen vornehmen. In einem Umfeld fortbestehender institutioneller Instabilität bleibt das Wachstum mit rund 1,2% jedoch anfällig für geopolitische Risiken.
Vor diesem Hintergrund sticht die Schweiz weiterhin als eines der wenigen Länder mit robuster makroökonomischer Stabilität hervor. Die Verbesserung der Aussenhandelsbeziehungen stärkt die wirtschaftlichen Aussichten. Im Vergleich zu früheren Prognosen sorgen die gesenkten Zölle für ein zusätzliches Wachstum von schätzungsweise 0,2 bis 0,3 Prozentpunkten, wodurch die Erwartungen für das BIP-Wachstum für 2026 auf 1,2% steigen. Auch wenn die Inflation voraussichtlich leicht auf 0,3% ansteigen wird, sind die Voraussetzungen für eine Rückkehr zu negativen Zinsen nach wie vor begrenzt. Die Schweiz hat im Dezember ihren deflationären Kurs bestätigt. Die Verbraucherpreise sind im Jahresvergleich um 0,1% gesunken, während die durchschnittliche jährliche Inflation im Jahr 2025 0,2% erreichte.
In einem globalen Umfeld, das von einem verstärkten Streben nach Sicherheit geprägt ist, gewinnt Gold an strategischer Bedeutung. Im Jahr 2025 stieg sein Goldpreis um rund 62% und seit Jahresbeginn um weitere 15% auf einen neuen Rekordwert von über 5'400 US-Dollar. Mehrere Faktoren erklären diese Dynamik. Der erwartete Rückgang der langfristigen US-Zinsen im Falle einer geldpolitischen Lockerung durch die Fed, der schrittweise Aufbau von Goldreserven durch Zentralbanken, die ihre Abhängigkeit von US-Anleihen verringern wollen, sowie die zunehmenden fiskalischen und geopolitischen Spannungen in den Vereinigten Staaten. Die Diskussionen auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos haben zudem die Grenzen traditioneller Ansätze des Risikomanagements aufgezeigt. In diesem Zusammenhang gewinnen strukturelle Absicherungen, Edelmetalle, Industriemetalle und sichere Währungen wie der Schweizer Franken weiter an Bedeutung.
Arthur JurusDie zentrale Botschaft für 2026 lautet nicht, sich zwischen Optimismus und Vorsicht zu entscheiden, sondern beides zu kombinieren.
Über den defensiven Aspekt hinaus bleibt die Dynamik der Chancen und Bewertungen ein wesentlicher Motor der Märkte, wobei künstliche Intelligenz im Vordergrund steht. Der technologische Fortschritt hat insbesondere in den USA einen starken Investitionszyklus ausgelöst. Im Jahr 2025 wurden rund 400 Milliarden US‑Dollar in entsprechende Projekte investiert, wobei im Jahr 2026 die Investitionsausgaben der fünf grössten Hyperscaler auf nahezu 700 Milliarden US‑Dollar steigen werden. Diese Ausgaben haben sich zu einem zentralen Treiber des Gewinnwachstums entwickelt. Trotz der zunehmenden Debatten über das Bewertungsniveau und die Kapitalströme innerhalb des KI-Ökosystems unterscheidet sich die aktuelle Situation deutlich von früheren Technologieblasen. Die Nachfrage ist real, die Kapazitäten sind begrenzt und das Gewinnwachstum ist greifbar. Zwar gibt es einige Anzeichen für eine Überhitzung, aber die Bewertungen bleiben insgesamt angemessen und die Kapitalrenditen hoch. KI dürfte daher auch 2026 eine wichtige Wachstumssäule bleiben, mit einem erwarteten weltweiten Wachstum von rund 38%.
Die zentrale Botschaft für 2026 lautet daher nicht, sich zwischen Optimismus und Vorsicht zu entscheiden, sondern beides zu kombinieren. Einerseits bleiben die Wachstumsaussichten attraktiv, getragen von starken strukturellen Trends. Andererseits erfordert das makroökonomische und geopolitische Umfeld ein hohes Mass an Disziplin, Diversifizierung und Flexibilität. In einer Welt, die widerstandsfähiger erscheint, aber strukturell fragil bleibt, basiert langfristiger Erfolg auf einem durchdachten Portfolioaufbau, der Chancen und Risiken gleichermassen berücksichtigt.