Buchtipps – Tove Ditlevsen: Kopenhagen-Trilogie: «Kindheit», «Jugend», «Abhängigkeit»
Die autofiktionale Romantrilogie der dänischen Autorin (1917–1976) hat in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt und dank der Neuübersetzung von Ursel Allenstein jetzt auch im deutschsprachigen Raum grosse Beachtung erhalten. Nüchtern und schonungslos erzählt die Autorin in präziser und gleichzeitig lyrischer Sprache aus ihrem Leben als Kind, Jugendliche und junge Frau im Dänemark der Zwanziger bis Vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts.
Nach einer düsteren Kindheit in den ärmlichen Verhältnissen eines Arbeiterviertels von Kopenhagen muss Tove Ditlevsen bereits mit 14 Jahren die Schule verlassen. Sie beginnt ohne weitere Ausbildung zu arbeiten und schlägt sich unter dem elterlichen Druck, in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit trotz schwierigen Arbeitsverhältnissen auszuharren, in verschieden Jobs durch. Schon früh zeigt sich ihre Sehnsucht nach Freiheit. Mit 17 Jahren verlässt sie das Elternhaus und verfolgt – in einer Ambivalenz zwischen Schutzbedürftigkeit und schon beinahe egoistischer Kompromisslosigkeit – ihren Lebensplan. Sie heiratet, um versorgt zu sein. Sie will ein Kind, verlässt dafür den Mann und heiratet einen zweiten Mann, will dann kein weiteres Kind und begibt sich dafür in die Abhängigkeit eines dritten Mannes. Über allem aber steht – dem väterlichen Urteil «Ein Mädchen kann nicht Dichter werden» zum Trotz – der Drang zu schreiben. Sie schreibt schon im Kindesalter ihre ersten Gedichte und strebt unermüdlich nach Wegen, diese zu veröffentlichen. Alles richtet sie nach dem Schreiben aus. Es ist der Motor, der sie am Leben hält.
Dass die Kopenhagen-Trilogie zeitgemäss, ja sogar modern wirkt, liegt einerseits an der nüchternen, präzisen, aber auch metaphorischen Sprache (interessant auch die Veränderung über die drei Bücher: Die Sprache entwickelt sich, erst kindlich, wird zunehmend erwachsen) und andererseits an der lakonischen, unsentimentalen, oft humorvollen Art, mit der die Autorin ungeschönt selbst die tiefsten menschlichen Abgründe beschreibt. Man ist ganz nahe am Erlebten, es gibt keine reflektierende Aussensicht, und mit dem häufigen Wechsel ins Präsens erreicht Tove Ditlevsen eine zusätzliche Unmittelbarkeit des Erzählten.
