Buchtipp – Charles Lewinsky: «Der Halbbart»
Mit seinem neuen Roman präsentiert der bekannte Schweizer Autor eine mittelalterliche Geschichte mit neuzeitlicher Moral.
Die Geschichte voller Geschichten, angesiedelt im Hochmittelalter im Dreieck Einsiedeln, Schwyz und Ägeri, thematisiert die damaligen Streitigkeiten zwischen den ansässigen Bauern und dem Kloster Einsiedeln. Die Aggressionen der Landbevölkerung richtet sich auch gegen die Habsburger, unter deren Schirmherrschaft das Kloster stand – historisch belegt sind sowohl der Überfall aufs Kloster also auch die Ereignisse am Morgartenberg. Eine spezielle Rechnung hat die Titelfigur mit den Österreichern offen. Seine jüdische Herkunft wird nur angedeutet, ist jedoch offensichtlich Grund für sein schreckliches Schicksal. Eines von Lewinskys oft wiederkehrenden Themen bleibt hier aber nebensächlich. Hauptperson ist nicht der Halbbart, sondern der Dorfjunge Eusebius alias Sebi, der sich als jüngster von drei Brüdern nach dem Tod der Mutter (an den früh verstorbenen Vater kann er sich kaum erinnern) in seinem Umfeld zu behaupten und nach seiner Bestimmung im Leben sucht.
Lewinsky schwadroniert mit bildstarker, metaphernreicher Sprache voller Helvetismen wie gschmuuch, angattigen, prälaggen, Schlötterlinge anhängen oder Finöggel, aber auch weniger feinen Ausdrücken, gekonnt und äusserst stimmig durch Ort und Zeit. Man kommt nicht umhin, fast physisch mitzuleiden – man hungert, friert und ekelt sich – und fühlt sich ins dunkle Mittelalter der Sagen und des Aberglaubens zurückversetzt. Dennoch ist der Individualismus der Protagonisten eigentlich ein modernes Phänomen, und die Beschreibung des menschlichen Wesens mit dessen Abgründen ist zwar mittelalterlich gefärbt, aber keineswegs gegenwartsfremd. Auch das Märchenerzählen, heute «fake news» genannt, ist durchaus zeitgemäss, ebenso die vermittelte Moral: Eine Geschichte muss nur genügend oft erzählt werden, irgendwann glaubt man sie, und irgendwann wird sie Geschichte.
Es ist erstaunlich, mit welcher Kadenz Lewinsky neue, völlig unterschiedliche Ideen und Plots entwickelt. Seine Freude am Fabulieren kommt bei «Der Halbbart» einmal mehr voll zum Zuge, entstanden ist ein originell-gescheiter und fantasievoller Roman.
