Wie steht es wirklich um die deutsche Wirtschaft?

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«Deutschland liegt vorne». Diese Überschrift war vor wenigen Tagen in einer Schweizer Finanzzeitung zu lesen. In derselben Ausgabe stand allerdings auch: «Deutschland verschärft die Nachfragekrise.» In der ersten Schlagzeile geht es um die Einkaufsmanagerindizes der Industrie. Da hatte Deutschland im Juli gegenüber den anderen grossen EU-Ländern Frankreich, Italien und Spanien die Nase vorn. In der zweiten um die Nachfrageschwäche in Europa, die Deutschland besonders stark treffe.

Die zweite Headline dürfte dem Empfinden der meisten Leser eher entsprechen als die erste. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass ich Schweizer bin und mir die negative Stimmung bezüglich des Zustands des eigenen Landes auf meinen Reisen durch Deutschland auffällig oft und ausgeprägt begegnet. Das hat sicherlich mit der konjunkturellen Entwicklung der letzten Jahre zu tun: wirtschaftliche Stagnation seit der Coronakrise. Eine Industrie, die das Produktionsniveau von vor der Pandemie noch nicht wieder erreicht hat (im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern). Und eine Arbeitslosigkeit, die entgegen dem Trend in der gesamten Eurozone gestiegen ist. Besonders präsent ist dabei die Krise im für Deutschland so wichtigen Automobilsektor samt seiner Zulieferindustrie. Aber auch die ausufernde Bürokratie sowie Zweifel an der Reformfähigkeit der Politik – egal, ob von der aktuellen «GroKo» oder von der «Ampel» davor – tragen einen wesentlichen Teil zur schlechten Stimmung bei.

Die Gewinne der DAX-Firmen liegen auf einem absoluten Höchststand und haben die letzten Jahre mit dem amerikanischen S&P 500 mitgehalten.

Thomas Heller, Chief Economist, Frankfurter Bankgesellschaft Gruppe

Trotzdem steht der DAX auf einem Allzeithoch! Wie passt das mit der Verfassung des Landes zusammen? Die Antwort: Der DAX ist kein Konjunkturbarometer für Deutschland. Rund vier Fünftel des Umsatzes erwirtschaften die DAX-Unternehmen ausserhalb Deutschlands, etwa in wachstumsstarken Ländern wie den USA oder in den Schwellenländern. Die Gewinne der DAX-Firmen liegen auf einem absoluten Höchststand und haben die letzten Jahre mit dem amerikanischen S&P 500 mitgehalten. Der Vergleich mit den kleineren und binnenorientierteren Unternehmen im MDAX (Exportanteil 60 bis 70%) und SDAX (55 bis 60%) zeigt aber auch: Je stärker der Deutschlandbezug, umso schwächer die Börsenentwicklung im Vergleich zum Leitindex DAX. Die Verfassung des Landes lässt sich bis zu einem gewissen Grad also doch auch am Markt ablesen.

Die jüngsten Daten zu den Auftragseingängen in der deutschen Industrie geben Anlass zur Hoffnung auf Besserung. Die positive Entwicklung ist dabei nicht allein auf die staatliche Nachfrage (höhere Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung) zurückzuführen. Auch die Auslandsnachfrage hat zuletzt zugelegt. Die Industrieproduktion könnte entsprechend im weiteren Verlauf des Jahres an Dynamik gewinnen.

Neben dem aktuellen zyklischen Hoffnungsschimmer sollte man nicht vergessen – und das sage ich jetzt wieder mit dem Blick von aussen –, dass Deutschland im Grunde eine vergleichsweise gute Ausgangslage hat: etwa die im internationalen Vergleich soliden Staatsfinanzen, eine gute Bonität mit entsprechend tiefen Zinsen, ein hohes Wohlstandsniveau, einen deutlichen Leistungsbilanzüberschuss. Kommt jetzt auch noch die Politik in die Gänge – das Sondervermögen sowie das jüngst von der Bundesregierung vorgestellte Reformpaket bilden dafür eine Grundlage – und kommt zur zyklischen Komponente eine strukturelle hinzu, dann wird man in einigen Jahren hoffentlich tatsächlich wieder sagen können: «Deutschland liegt vorne.»

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