Medartis: Noch Nischenplayer – bald US-Champion?

Der Basler Medizintechniker vereint eine starke Nischenposition mit grossem Wachstumspotenzial. Vor allem in den USA könnte die nächste Entwicklungsstufe bevorstehen.

Der Basler Medtech-Spezialist Medartis wirkt auf den ersten Blick ambitioniert bewertet. Legt man jedoch die jüngsten Geschäftszahlen und den zukünftigen Ausblick zugrunde, erscheint die aktuelle Bewertung deutlich attraktiver. Im ersten Halbjahr steigerte das Unternehmen den Umsatz auf Gruppenebene um 17%, während das Nordamerika-Geschäft sogar um 27% zulegte. Mit seiner starken Position in attraktiven Nischenmärkten, innovativen Produkten wie der Daumengelenkprothese «Touch» und einer wachsenden internationalen Präsenz verfügt Medartis über ein überzeugendes Wachstumspotenzial, das aus unserer Sicht in der aktuellen Bewertung noch nicht vollständig reflektiert wird.

Der Markt für kleine Knochen wird auf rund 5 Milliarden Franken geschätzt – für die grossen Anbieter oft zu klein, für einen Spezialisten wie Medartis gross genug, um über Jahre zu wachsen.

Christoph Wirtz, Fund Manager, Rothschild & Co Bank

All diese qualitativen Merkmale sowie der Standort Basel erinnern an das frühe Straumann. Thomas Straumann gründete Medartis im Jahr 1997. Das Unternehmen entwickelt Titanplatten, Schrauben und Instrumente für die Behandlung kleiner Knochen. Rund 70% des Umsatzes entfallen auf obere Extremitäten: Hand und Handgelenk stehen für mehr als die Hälfte des Konzernumsatzes. Der Markt für kleine Knochen wird auf rund 5 Milliarden Franken geschätzt – für die grossen Anbieter oft zu klein, für einen Spezialisten wie Medartis gross genug, um über Jahre zu wachsen. Medartis investiert jährlich 10 bis 15% des Umsatzes in Forschung und Entwicklung und kann für Premiumprodukte Preisaufschläge von 10 bis 30% durchsetzen. Die Ausbildung von Chirurgen stärkt zudem die Kundenbindung. Rund zwei Drittel des Umsatzes sind traumabedingt und damit weitgehend konjunkturunabhängig. Wachstum und defensive Qualitäten schliessen sich hier nicht aus.

Mit NeoOrtho folgt Medartis dem Straumann-Rezept
Mit der Mehrheitsübernahme von NeoOrtho hat Medartis 2025 eine Value-Plattform erworben, die hochwertige Implantate zu etwa der Hälfte des Preises anbieten kann. Im Fokus steht unter anderem das knapp 500 Millionen Franken grosse Value-Segment Lateinamerikas. Medartis verbreitert damit seine Aufstellung, ohne das Premiumgeschäft aufzugeben – ähnlich wie Straumann mit Neodent. In den europäischen Kernmärkten hält Medartis bei Hand- und Handgelenksoperationen bereits 30 bis 40% Marktanteil. In den USA liegt der Anteil dagegen erst im sehr niedrigen einstelligen Prozentbereich. Der US-Umsatz soll um mehr als 20% pro Jahr wachsen. Bis 2030 könnten die USA über 40% des Konzernumsatzes ausmachen – gegenüber rund 20% heute. Ein wichtiger Wachstumstreiber könnte die Daumengelenkprothese «Touch» werden. In Frankreich und Belgien erreicht sie bereits über 80% Marktanteil. In den USA peilt Medartis bis 2030 rund 15'000 Eingriffe jährlich an. Bei einem Preis von rund 6'500 US Dollar entspräche dies fast 100 Millionen US-Dollar Umsatz. Touch könnte zudem den Zugang zu neuen Chirurgen öffnen und Cross-Selling im Hand- und Handgelenkportfolio fördern.

Wachstum ja – aber nicht ohne Risiken
Die Entwicklung in den USA verlief über Jahre hinweg holprig. Im Zuge der Neuorganisation des Vertriebs verlor Medartis 2025 seinen grössten Distributor, der rund 10% des regionalen Umsatzes ausmachte. Trotz dieses Rückschlags konnte das Unternehmen den US-Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr um 13% steigern. Die jüngsten Zahlen deuten zudem auf eine weitere Beschleunigung des Wachstums hin und sprechen dafür, dass die Einführung der Touch-Technologie zunehmend Früchte trägt. Medartis gehört deshalb auf die Beobachtungsliste. Die Nischenposition, das US-Potenzial und ein Management mit viel Straumann-Erfahrung sprechen für die Aktie. Für langfristig orientierte Investoren sehen wir auf dem aktuellen Kursniveau eine ausgezeichnete Einstiegsmöglichkeit. Skaliert «Touch» in den USA und steigen die Margen, könnte aus dem wenig beachteten Schweizer Medtech-Titel eine deutlich grössere Börsengeschichte werden.