Anleger sollten in Generationen, nicht in Börsenzyklen denken und investieren

Ein Zukunftsthema muss mehr aushalten als einen Börsenzyklus. Seine Relevanz sollte im besten Fall noch die nächste Generation beschäftigen.

Zukunft fasziniert uns vielleicht gerade deshalb, weil sie sich unserem Wissen entzieht. Wir können Szenarien entwerfen, Wahrscheinlichkeiten berechnen und versuchen, die Gewinner von morgen zu identifizieren. Aber wissen, was kommt, können wir nicht. An den Kapitalmärkten vergessen wir das manchmal. Mitunter entsteht der Eindruck, Zukunft liesse sich vermessen und in Zahlen übersetzen. Ich glaube, wir sollten etwas demütiger sein.

Zukunft beginnt, wo Gewissheit endet
Wir wissen nicht, welche Unternehmen in 15 oder 20 Jahren erfolgreich sein werden. Erkennen können wir aber Entwicklungen, die grösser sind als der nächste Konjunkturzyklus: eine alternde Gesellschaft, medizinischer Fortschritt, veränderte Lieferketten, Ressourcenknappheit oder die Frage, wie wir künftig leben und arbeiten. Mich beschäftigen diese Themen seit vielen Jahren beruflich. Zunehmend betrachte ich sie auch persönlich. Ich denke an meine Kinder. Welche Fragen von heute werden sie in 20 Jahren noch beschäftigen? Und welche vermeintlich grossen Trends werden dann längst vergessen sein? Dieser Gedanke hat meinen Blick auf Zukunftsinvestments verändert.

Wenn ich wissen möchte, ob ein Thema wirklich Zukunft hat, denke ich nicht zuerst an den nächsten Börsenzyklus. Ich denke an die nächste Generation.

Karsten-Dirk Steffens, CEO, Aberdeen Investments (Schweiz)

Aufmerksamkeit ist vergänglich
An der Börse setzen wir das Neue gerne mit dem Zukunftsträchtigen gleich. Eine Technologie begeistert, Kapital fliesst, Erwartungen steigen – und schnell entsteht eine grosse Geschichte. Doch nicht alles, was neu ist, hat Bestand. Menschen werden älter und brauchen medizinische Versorgung. Unternehmen werden auch künftig widerstandsfähige Lieferketten benötigen. Und die Art, wie wir wohnen und arbeiten, wird sich weiter verändern. Für mich liegt genau hier der Unterschied: Ein Trend lebt von Aufmerksamkeit. Ein Zukunftsthema lebt von seiner Relevanz. Und Relevanz muss Jahrzehnte überdauern können.

In Generationen statt in Quartalen denken
In der Finanzbranche sprechen wir viel über Langfristigkeit. Dabei finde ich bemerkenswert, wie kurz «langfristig» manchmal gemeint ist. Drei Jahre. Fünf Jahre. Vielleicht zehn. Deshalb stelle ich mir eine andere Frage: Werden meine Kinder über dieses Thema noch sprechen, wenn sie in meinem heutigen Alter sind? Das ist kein Investmentmodell. Es ist ein gedanklicher Prüfstein, der hilft, Abstand vom Lärm des Augenblicks zu gewinnen. Denn Märkte haben ein kurzes Gedächtnis. Generationen haben einen langen Horizont.

Ein gutes Thema ist noch kein gutes Investment
Wer ein Zukunftsthema erkannt hat, kennt noch lange nicht dessen Gewinner. Eine Branche kann wachsen und Unternehmen können trotzdem scheitern. Eine Technologie kann unsere Gesellschaft verändern und Anleger können dennoch einen zu hohen Preis für ihre vermeintlichen Gewinner bezahlen. Deshalb überzeugt mich bei langfristigen Zukunftsthemen ein aktiver Blick. Nicht, weil jemand die Zukunft vorhersagen könnte. Sondern gerade, weil niemand es kann. Unternehmen und Bewertungen verändern sich, Wettbewerbsvorteile verschwinden. Langfristig zu investieren bedeutet für mich daher nicht, unbeirrt an einer Entscheidung festzuhalten. Es bedeutet, eine Überzeugung zu haben und zugleich bereit zu sein, die eigenen Annahmen zu hinterfragen. Auch darin liegt für mich Demut.

Was bleibt?
Am Ende geht es bei Zukunftsinvestments um mehr als Renditeprognosen. Es geht um unsere Haltung gegenüber Zeit. Wir wissen nicht, welche Unternehmen 2040 zu den Gewinnern gehören werden. Aber wir können uns fragen, welche Herausforderungen dann noch relevant sein dürften. Vielleicht sollten wir Zukunft weniger als etwas betrachten, das wir vorhersagen müssen, sondern als etwas, dessen langfristige Bedeutung wir verstehen wollen. Wenn ich wissen möchte, ob ein Thema wirklich Zukunft hat, denke ich deshalb nicht zuerst an den nächsten Börsenzyklus. Ich denke an die nächste Generation.

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