Wenn Geopolitik das Asset Management steuert
Geopolitische Unsicherheit ist kein Sturm, der vorüberzieht. Sie ist das neue Wetter. Für 1’220 Milliarden Franken Vorsorgegeld heisst das: Nicht die klügste Prognose gewinnt, sondern das robusteste Portfolio.
In den Anlagekomitees hat sich die Reihenfolge umgedreht. Früher kam zuerst die Frage nach Zinsen, Spreads und Aktientrends. Heute kommt zuerst die Weltlage. Erst danach geht es um Obligationen und Aktien. Die Asset Allocation von Pensionskassen und Banken entsteht nicht mehr im eigenen Haus. Sie wird von aussen bestimmt – durch die Geopolitik. Konkret heisst das: Nicht mehr die Frage, welche Anlage am meisten abwirft, steuert das Portfolio, sondern die Frage, welches Land als Nächstes welche Regel bricht. Fünf Themen dominieren jede Sitzung: USA gegen Europa. Das China-Risiko. Deglobalisierung und Friendshoring. Rohstoff- und Versorgungssicherheit. Und Verteidigungsausgaben, die rasant steigen. Selbst ein starker Zyklus wie jener der Halbleiter verschwindet dahinter.
Karsten-Dirk Steffens, CEO, Aberdeen Investments (Schweiz)Hören wir auf, die Geopolitik vorhersagen zu wollen. Das kann niemand. Robust schlägt klug. Breit streuen, defensive Anker halten, Illiquidität ehrlich budgetieren. Und vor allem: wachsam bleiben gegenüber den Risiken.
Wenn ich Asset Manager nach ihrer House View frage, dann sehe ich in den Gesichtern nur grosse Fragezeichen. Eine Sicht auf sechs bis zwölf Monate ist derzeit kaum zu haben. Wer von Montag bis Freitag richtig liegt, ist schon zufrieden. Damit rutscht ins Taktische, was strategisch sein müsste – und die strategische Asset Allocation ist das Fundament der Altersvorsorge.
Der Preis steht auf keinem Vorsorgeausweis
Was bedeutet das für jene, die von diesem Geld einmal leben werden? Heute: wenig. Die Kassen erwirtschaften gute Resultate, die grosse Korrektur ist ausgeblieben. Aber diese Rendite hat einen Preis, der auf keinem Vorsorgeausweis steht. Weil sichere Zinsanlagen zu wenig abwerfen, wandert Geld in Infrastruktur, Immobilien und Private Markets. Das ist richtig so – und es erhöht Volatilität und Liquiditätsrisiko im Portfolio. Wer heute eine ordentliche Verzinsung sieht, sieht das Ergebnis von Anlagen, die sich nicht auf Knopfdruck verkaufen lassen. Und trotzdem passiert an den Märkten: nichts. Es wird gedroht, die Kurse zucken kaum. Tanker meiden die Strasse von Hormuz, an der Tankstelle kostet es ein paar Rappen mehr. Das war es. Genau das beunruhigt mich.
Abstumpfung ist keine Risikoprämie
Eine Drohung, die uns vor zehn Jahren den Stift aus der Hand fallen liess, quittieren wir heute mit einem Schulterzucken. Wir haben uns daran gewöhnt. Das ist menschlich – und teuer. Denn wer alles für Lärm hält, überhört irgendwann das eine Signal, das keines ist. Dabei geht das geopolitische Risiko nicht vorbei: Die regelbasierte Weltordnung erodiert, wirtschaftliche Abhängigkeiten werden zur Waffe, dazu kommen technologische Rivalitäten und Klimarisiken. Das ist kein Sturm, der sich legt. Das ist das neue Wetter. Dazu kommt: Panik läuft nicht mehr von Land zu Land. Alle lesen dieselben Nachrichten, zur selben Minute. Ein echtes Ereignis träfe alle gleichzeitig – und es träfe auf Bewertungen, die sich mit dem Lehrbuch nicht mehr erklären lassen. Die Korrektur wäre eine, wie wir sie noch nie erlebt haben.
Nicht alle trifft es gleich
Hier liegt der Unterschied zwischen den Generationen. Wer mit vierzig einen Einbruch erlebt, holt ihn über die Jahre wieder auf. Wer kurz vor der Pensionierung steht, nicht. Den Zeitpunkt sucht sich niemand aus. Die Schwachstelle ist die Governance. Die Zahl der Kassen sinkt, ihr Vermögen ist von 800 auf über 1’220 Milliarden Franken gestiegen. Grosse Kassen haben Anlageausschüsse und Spezialisten, kleine nicht. Genau dort stehen die Asset Manager in der Pflicht. Wird die Konsolidierung umsichtig gemacht, bringt sie stabilere Leistungen. Wird sie schlecht gemacht, entsteht Komplexität ohne Kontrolle – bezahlt vom Rentenbezüger. Hören wir auf, die Geopolitik vorhersagen zu wollen. Das kann niemand. Robust schlägt klug. Breit streuen, defensive Anker halten, Illiquidität ehrlich budgetieren. Und vor allem: wachsam bleiben gegenüber den Risiken.