ETFs und geopolitische Realität: Die stille China-Wette der Anleger
In unsicheren Zeiten entstehen Chancen – auch über indirekte Anlagestrategien. Thematische ETFs eröffnen Zugang zu globalen Wachstumstreibern und zeigen: Wer flexibel bleibt, setzt oft auch auf die Dynamik Chinas.
Die Märkte sind zurzeit «getrumped»: Was früher berechenbar schien – sinkende Inflation, klare Zinspolitik, überschaubare Risiken – ist heute von Unsicherheit geprägt. Anleger reagieren entsprechend vorsichtig: Investitionen werden verschoben, Geld bleibt liegen. Statt Chancen zu suchen, werden Risiken gemieden. Das ist verständlich. In unsicheren Zeiten wird genauer hingeschaut und vorsichtiger entschieden. Doch genau darin liegt nicht nur ein Problem, sondern auch eine Chance. Abwarten ist menschlich – kostet aber oft Rendite. Wer auf vollständige Klarheit wartet, reagiert oft zu spät. Denn neue Trends entstehen oft in Phasen von Unsicherheit. Historisch gesehen waren es oft die Momente grösster Skepsis, in denen die Grundlage für die nächste Wachstumsphase gelegt wurde. Das heisst nicht, blind Risiken einzugehen.
Karsten-Dirk Steffens, CEO, Aberdeen Investments (Schweiz)Gefragt sind jetzt flexible Zwischenlösungen, die Chancen nutzen, ohne sich langfristig festzulegen.
Gefragt sind jetzt flexible Zwischenlösungen, die Chancen nutzen, ohne sich langfristig festzulegen. Ins Spiel kommt eine neue ETF-Kategorie zwischen passiv und aktiv: ETFs mit gezielter Steuerung. Sie verbinden datenbasierte Modelle mit aktiven Anpassungen. Für Anleger heisst das: mehr Flexibilität, ohne ganz auf aktive Entscheidungen zu verzichten.
Rohstoffe als strategische Zwischenlösung
Ein naheliegender Ansatz sind Investments in Zukunftsrohstoffe wie Kupfer, Lithium, Nickel – und Seltene Erden. Letztere sind zentral für die Energiewende, Elektromobilität und digitale Infrastruktur. Die Nachfrage wächst rasant, getrieben durch den Ausbau erneuerbarer Energien, die Elektrifizierung und den steigenden Bedarf an Rechenzentren. Gleichzeitig bleibt das Angebot knapp, weil neue Förderprojekte fehlen. Das Ergebnis: ein strukturelles Ungleichgewicht, das langfristig für steigende Preise spricht.
Diversifikation - Die stille China-Wette
Rohstoff-Investments bieten Wachstum und Diversifikation – besonders für Anleger mit starkem USA-Fokus. Denn viele dieser Märkte sind globaler aufgestellt. Doch die Kehrseite wird oft unterschätzt: Hinter der Diversifikation steckt häufig eine indirekte Abhängigkeit von China. Das Land dominiert nicht nur den Abbau, sondern vor allem die Verarbeitung Seltener Erden und damit den entscheidenden Teil der Wertschöpfung. Selbst ausserhalb Chinas geförderte Rohstoffe werden oft dort weiterverarbeitet. Für Anleger bedeutet das: Wer in Seltene Erden investiert, ist immer auch von Chinas Industriepolitik abhängig. Diese Abhängigkeit ist Chance und Risiko zugleich. Sie eröffnet Zugang zu einem zentralen Wachstumstreiber, bringt aber auch geopolitische Unsicherheiten mit sich. Denn Preise und Verfügbarkeit werden längst nicht mehr nur vom Markt bestimmt, sondern zunehmend von Politik und Regulierung. Seltene Erden entwickeln sich damit zu strategischen Rohstoffen – vergleichbar mit der Rolle der OPEC im Ölmarkt.
ETFs als taktisches Instrument
In unsicheren Zeiten spielen ETFs ihre Stärke aus. Sie erlauben es, gezielt auf Trends zu setzen, flexibel zu bleiben und sich schnell anzupassen. Gerade thematische ETFs – etwa auf Zukunftsrohstoffe – bieten Zugang zu strukturellem Wachstum, ohne sich auf einzelne Titel festzulegen. Damit werden sie zur Brücke zwischen passivem und aktivem Investieren. ETFs ersetzen klassische Fonds nicht – sie ergänzen sie. In der aktuellen Unsicherheit sind günstige und flexible Lösungen gefragt, weshalb ETFs profitieren. Langfristig bleiben aktive Strategien jedoch wichtig, weil sie gezielt Chancen nutzen können. Es entsteht kein Entweder-oder, sondern ein Zusammenspiel beider Ansätze. Für Anleger heisst das: aktiver entscheiden. Statt einer einzigen Strategie braucht es heute eine Kombination aus kurzfristiger Positionierung, thematischen Trends und langfristiger Ausrichtung. Wer zu einseitig investiert, verpasst Chancen. Am Ende zählt nicht die perfekte Vorhersage, sondern die Fähigkeit, sich anzupassen. In unsicheren Zeiten gewinnt nicht der Mutigste, sondern derjenige, der beweglich bleibt.