Flucht aus Risikoanlagen: Der Markt im Risk-off-Modus
Seit Ende Februar herrscht Krieg im Nahen Osten. Die Märkte sind beunruhigt. Insbesondere die Befürchtung, dass die für den globalen Öl- und Gastransport so wichtige Strasse von Hormus längere Zeit faktisch gesperrt bleiben könnte, sorgt für Unsicherheit.
Da rund 20% des weltweiten Ölangebots die Meerenge passiert, hätte eine dauerhafte Störung spürbare Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. An den Finanzmärkten herrschte entsprechend «Risk-off», d.h. Anleger zogen sich aus den Aktien zurück. Insbesondere die europäischen Märkte (z.B. STOXX Europe – 6,1%, DAX – 7,4%, SPI – 6,7%) und Asien (TOPIX – 9,2%, MSCI Asia ex Japan – 9,9%) gaben deutlich nach (1. Bis 9. März; in Lokalwährung). Besser hielt sich der amerikanische Markt. Der S&P 500 verlor lediglich etwas mehr als 1% nach, wobei hier Trumps beschwichtigende Worte vom Montagabend und die positive Marktreaktion das Bild zugunsten der USA «verzerren».
Thomas Heller, Chief Economist, Frankfurter Bankgesellschaft GruppeHerrscht 'Risk-off', profitieren in der Regel sichere Häfen wie Staatsanleihen und Gold. Nicht so im aktuellen Umfeld. In den ersten Märztagen gab es die ungewöhnliche Konstellation, dass fast alle Anlageklassen gefallen sind.
Herrscht «Risk-off», profitieren in der Regel «sichere Häfen» wie Staatsanleihen und Gold. Nicht so im aktuellen Umfeld. In den ersten Märztagen gab es die ungewöhnliche Konstellation, dass fast alle Anlageklassen gefallen sind. Für Anleger gab es keinen Ort, um sich in Sicherheit zu bringen. Sowohl Staatsanleihen als auch der Goldkurs haben in dieser Phase an Terrain eingebüsst. Wie erklärt sich das? Am Ursprung dieser Entwicklung steht der Ölpreis. Dieser hat seit Beginn des Krieges um über 30% zugelegt, was sich in einem Anstieg der Inflation niederschlagen wird. Da die Inflationsbefürchtungen derzeit stärker sind als die Konjunktursorgen, sind die Zinsen gestiegen, was bei festverzinslichen Anleihen zu Kursverlusten führt. Die höheren Zinsen haben wiederum für Druck auf den Goldpreis gesorgt. Gold zahlt keine Coupons oder Dividenden. Steigen die Zinsen, steigen entsprechend die Opportunitätskosten, das zinslose Edelmetall zu halten, das in Konkurrenz zu den zinstragenden Wertpapieren steht. Zusätzlich belastet hat den Goldpreis auch der stärkere US-Dollar.
Apropos US-Dollar: Dieser profitiert oft in turbulenten Marktphasen, ist ein «sicherer Hafen», auch wenn die Reputation zuletzt gelitten hat. In den vergangenen Tagen hat der Greenback diese Rolle wieder ausspielen können. Ein Teil des Dollaranstiegs ist allerdings auch dem höheren Ölpreis geschuldet. Der Ölhandel wird in Dollar abgewickelt, das heisst, es braucht mehr Dollars, um dieselbe Menge an Öl kaufen zu können. Donald Trump liess zuletzt verlauten, dass der Krieg bald vorbei sei. Das dürfte zwar Wunschdenken sein, beruhigte die Märkte fürs Erste aber spürbar. Der Ölpreis fiel wieder deutlich unter die Marke von 100 US-Dollar pro Fass, die Aktienmärkte erholten sich. Mit den Zwischenwahlen im November vor Augen wird Trump zudem inflationstreibende, wachstumsschwächende und börsenbelastende Aktivitäten zusehends zurückfahren oder zumindest deren Auswirkungen abfedern wollen (müssen?). Neben den USA versuchen auch andere Staaten, die Folgen des Krieges einzudämmen. Das könnte darauf hindeuten, dass das Gröbste vorbei ist und sich die Auswirkungen auf das fundamentale Umfeld (Wachstum, Inflation) zeitlich und vom Ausmass her in Grenzen halten. Tritt dieses Szenario ein, würde sich einmal mehr bestätigen, dass politische Ereignisse die Märkte zwar sehr wohl belasten, politische Börsen aber meist kurze Beine haben.