Iran-Konflikt: Warum die Ölpreise längerfristig hoch bleiben werden

Die Ereignisse im Nahen Osten haben im ersten Quartal dieses Jahres einen erheblichen Einfluss auf die Ölpreise gehabt. Die fast vollständige Schliessung der Strasse von Hormus hat die Energieflüsse in bislang ungekanntem Ausmass gestört. Normalerweise werden 20 Millionen Fässer Öl pro Tag (mf/t) durch die Strasse transportiert, doch der Durchfluss ist auf zwei bis drei mf/t zurückgegangen – hauptsächlich iranisches Öl, das nach China geliefert wird.

Da die betroffenen Länder ihr Öl nicht mehr exportieren konnten, füllten sie zunächst ihre heimischen Lager auf. Sobald diese voll waren, blieb ihnen keine andere Wahl, als die Förderung einzustellen. Per 9. April lagen 10mf/t der Förderung brach. Diese Zahl liegt unter dem Vorkriegsdurchfluss durch die Strasse von Hormus, da einige Pipelines genutzt wurden, um die Strasse zu umgehen, insbesondere von Saudi-Arabien.

Der Schiffsverkehr könnte sich zwar schnell normalisieren, doch wird es Wochen oder sogar Monate dauern, bis die Fördermengen wieder das normale Niveau erreichen.

Malcolm Melville, Fund Manager, Schroders

Die Störungen liessen die Ölpreise auf etwa 120 US-Dollar pro Fass steigen, wobei Öl aus dem Nahen Osten und raffinierte Produkte auf Rekordniveaus gehandelt werden. Singapore Jet Fuel erreichte zeitweise 220 US-Dollar pro Fass, verglichen mit 82 US-Dollar pro Fass vor dem Konflikt.

Was bedeutet das für den Ölpreis?
Die Anzahl Schiffe, die die Strasse von Hormus passieren, muss in den kommenden zwei Wochen stark ansteigen, damit der Ölmarkt überzeugt ist, dass die Krise vorbei ist. Es reicht nicht aus, wenn die Zahl der Schiffe auf 20 oder 30 steigt, da die Vorkriegszahlen bei etwa 130 bis 150 lagen. Wenn die Zahl der Schiffe auf 75 Prozent des Vorkriegsniveaus ansteigt, käme dies einer fast vollständigen Normalisierung der Ölflüsse gleich, insbesondere angesichts der Nutzung von bislang nicht ausgelasteter Pipelines. Der Schiffsverkehr könnte sich zwar schnell normalisieren, doch wird es Wochen oder sogar Monate dauern, bis die Fördermengen wieder das normale Niveau erreichen. Dies bedeutet, dass die Preise für Öl mit kurzer Laufzeit (d.h. Öl für die kurzfristige Lieferung) voraussichtlich nicht schnell auf das Vorkriegsniveau fallen werden. Die Unsicherheit darüber, wann die Produktion wieder aufgenommen wird, sollte die Preise stützen. Zudem ist das Ergebnis der Gespräche ungewiss; es gab bereits zwei Runden Verhandlungen, ohne Garantie eines Erfolgs.

Wiederaufbau stützt Preise
Langfristig hat der Konflikt sowohl die Anfälligkeit des Energiesystems als auch den Mangel an strategischen Reserven in vielen Ländern aufgezeigt. Dies ist ein langfristig positiver Faktor für die Ölpreise. Allein die US-Strategische Ölreserve müsste über 18 Monate hinweg täglich 1 mf/t kaufen, um wieder das Vorkrisenniveau zu erreichen. Da die globale Ölnachfrage in den letzten Jahren durchschnittlich um 1 mf/t pro Jahr gestiegen ist, stellt dies einen erheblichen Nachfrageanstieg dar. Es ist unklar, ob die USA ihre strategische Ölreserve in diesem Tempo wieder auffüllen werden, aber dieser Konflikt hat die Verwundbarkeit vieler Länder aufgezeigt. Asiatische und europäische Länder mit begrenzten Reserven dürften diesem Umstand in den kommenden Jahren verstärkt Rechnung tragen. Diese langfristigen Faktoren sollten die Ölpreise mittelfristig stützen.

Nahost-Risikoprämie bleibt im Ölpreis eingepreist
Das pessimistischste Szenario für den Ölmarkt wäre die vollständige Aufhebung aller Sanktionen gegen den Iran, während die Sanktionen gegen Russland bestehen bleiben. Bei hinreichender Überzeugung der Märkte von einer prowestlichen Neuausrichtung des Iran, würde die Nahost-Risikoprämie verschwinden. Die zukünftige Versorgungslage für Öl würde sich deutlich verbessern, da der Iran – anders als Venezuela – in der Lage wäre, die Förderung zu steigern. Unabhängig vom Ergebnis lässt sich jedoch sagen, dass diese Ereignisse die langfristige Untergrenze für den Ölpreis in allen Szenarien erhöht haben – ausgenommen ein prowestliches Szenario für den Iran, das jedoch als wenig wahrscheinlich gilt.

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