Der Brain Drain im helvetischen Finanzsektor kommt letztlich einer Selbstsabotage gleich
In den kommenden Wochen und Monaten wird sich zeigen, was «Integration» im Finanzjargon tatsächlich bedeutet. Nach Abschluss der CS-Übernahme werden bei der UBS erneut zahlreiche Mitarbeitende ihren Arbeitsplatz verlieren. Offiziell spricht man von Synergien, Effizienzgewinnen und strategischer Fokussierung. Inoffiziell heisst es: Man braucht sie nicht mehr.
Im Januar 2026 waren in Zürich 1’402 Bankangestellte beim RAV gemeldet – so viele wie seit Jahren nicht mehr. Mit der anstehenden Abbaurunde dürfte sich diese Entwicklung kaum entspannen. Aber selbstverständlich ist alles betriebswirtschaftlich gut begründet. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache, und Zahlen haben bekanntlich den Vorteil, dass sie nicht widersprechen. Die Verteidigungslinie ist ebenso erwartbar wie routiniert: Der Stellenabbau sei lange angekündigt gewesen. Die Kündigungsfrist betrage zwölf Monate. Es gebe grosszügige Programme zur beruflichen Neuorientierung. Formal ist daran nichts auszusetzen. Man könnte fast meinen, Rationalisierung sei eine Art Wellnessprogramm mit administrativem Begleitservice. Was diese Argumentation elegant ausblendet, ist die banale Tatsache, dass ein Sozialplan keine Identität ersetzt. Wer mit über fünfzig aus einer langjährigen Position fällt, verliert nicht nur ein Einkommen, sondern Status, Netzwerk, Selbstverständnis. Damit einhergehende Existenzängste kommen selten spektakulär daher. Sie zeigen sich leise, zermürbend und ziemlich immun gegen PR-Floskeln.
Reto Giudicetti, The OnlinerWenn gerade Mitarbeitende ab fünfzig systematisch aus dem System gedrängt werden, verliert der Finanzplatz nicht nur Lohnkosten, sondern auch Urteilskraft. Und Urteilskraft ist im Banking kein dekoratives Beiwerk, sondern ein zentraler Erfolgsfaktor.
Erstaunlicher als der Abbau selbst ist allerdings die Reaktion mancher Beobachter. In einschlägigen Finanzblogs war jüngst von «selbstverschuldet» die Rede oder davon, es treffe «die Richtigen». Andere wiesen gönnerhaft darauf hin, ältere Banker hätten in guten Jahren ausreichend Vermögen aufbauen können – nun sei eben Zeit, dieses zu konsumieren. Man empörte sich über Eigenheime, Zweitwagen und Fernreisen, als handle es sich dabei um moralische Verfehlungen. Diese Häme verrät mehr über die Kommentierenden als über die Betroffenen. Offenbar gilt Erfolg in gewissen Kreisen nur so lange als legitim, wie er theoretisch bleibt. Wird er konkret – sichtbar in Immobilien oder Lebensstandard –, verwandelt sich Bewunderung in Missgunst. Und endet er abrupt, wird daraus moralische Belehrung.
Die Neidgesellschaft ist keine neue Erscheinung, aber sie tritt besonders selbstbewusst auf, wenn sie sich als Gerechtigkeit tarnt. Wer im Finanzsektor arbeitet, so das implizite Narrativ, habe kein Anrecht auf Mitgefühl. Man habe gut verdient – also möge man nun schweigen. Empathie scheint eine Einkommensobergrenze zu kennen. Dabei geht im Schatten dieser kleinlichen Reflexe ein strukturelles Problem unter. Ein Finanzplatz, der in grossem Stil erfahrene Fachkräfte freisetzt, spart kurzfristig Kosten und verliert langfristig Substanz. Expertise entsteht nicht über Nacht. Kundenbeziehungen wachsen über Jahre. Institutionelles Gedächtnis ist kein Nebenprodukt, sondern ein Wettbewerbsvorteil. Wer glaubt, man könne diese Ressourcen beliebig austauschen, verwechselt formale Qualifikation mit gewachsener Urteilskraft. Natürlich gibt es talentierte Nachwuchskräfte. Aber Erfahrung ist mehr als ein Eintrag im Lebenslauf. Sie ist das Resultat von Marktzyklen, Fehlentscheidungen, Krisen und deren Bewältigung. Sie ist das, was bleibt, wenn Modelle versagen. Oder anders gefragt: Welcher vermögende Kunde überträgt sein komplexes Portfolio im Ernstfall einem Berufsanfänger, dessen grösste Bewährungsprobe bislang eine Fallstudie im Seminarraum war? Und wie sollen Prozesse im Back- und Middle Office nachhaltig optimiert werden, wenn praktisches Wissen durch theoretische Schnellabschlüsse ersetzt wird?
Der gegenwärtige Stellenabbau im Schweizer Finanzsektor – nicht nur bei der UBS, sondern branchenweit – ist mehr als eine bilanzielle Bereinigung. Er ist ein schleichender Brain Drain. Wenn gerade Mitarbeitende ab fünfzig systematisch aus dem System gedrängt werden, verliert der Finanzplatz nicht nur Lohnkosten, sondern auch Urteilskraft. Und Urteilskraft ist im Banking kein dekoratives Beiwerk, sondern ein zentraler Erfolgsfaktor. Statt diese Entwicklung nüchtern zu analysieren, ziehen es manche allerdings vor, die Betroffenen moralisch abzuwerten. Das ist bequem. Es entbindet von jeder ernsthaften Auseinandersetzung mit strukturellen Risiken. Und es erlaubt, sich für einen Moment überlegen zu fühlen. Souverän ist das nicht. Es ist kurzsichtig – auch von der Arbeitgeberseite. Und in einer Branche, deren wichtigste Währung Vertrauen ist, taugt Kurzsichtigkeit kaum zur Strategie – dafür kommt sie der Selbstsabotage gefährlich nahe.