Bei der UBS entscheidet nicht der Lebenslauf, sondern das Momentum über den nächsten CEO

Die in der Regel gut informierte «Financial Times» hat kürzlich wieder einmal tief in die gläserne Kristallkugel geblickt – und dabei mit bewundernswerter Ernsthaftigkeit über eine mögliche Nachfolgeregelung am operativen Steuer der UBS berichtet. Auslöser dieser mutigen Prophetie: die unverhohlenen Chairman-Ambitionen des amtierenden CEO Sergio Ermotti, die sich – wenig überraschend – voraussichtlich spätestens im Jahr 2028 materialisieren dürften.

Die Wahl eines neuen CEOs ist bekanntlich eine hochsensible Angelegenheit. Entsprechend erstaunt es kaum, dass die Gerüchteküche – wie im Fall der UBS – schon jetzt fröhlich brodelt, obwohl der eigentliche Personalwechsel noch in sicherer Distanz liegt. Lange vor dem Entscheid wird bereits eifrig taxiert und spekuliert. Wer hat sich strategisch so positioniert, dass es im Rückblick wie ein genialer Masterplan aussieht? Wer verfügt über einen Leistungsausweis, der gleichzeitig beeindruckt und sich elegant von störenden Details reinigen lässt? Wer bringt die richtigen Charaktereigenschaften mit – und vor allem: Wer hat es geschafft, potenziell heikle Karrierekapitel rechtzeitig unter den diskreten Teppich der Konzernhistorie zu kehren? Und schliesslich die wohl ehrlichste Frage von allen: Wer ist tatsächlich bereit, sich diesen Job freiwillig anzutun?

Erfreulicherweise mangelt es nicht an Bewerbern. Es gibt sie, die internen UBS-Kandidaten, die sich – mit mehr oder weniger belastbarem Optimismus – ernsthafte Chancen ausrechnen. Die Zahl jener, für die sich diese Hoffnungen tatsächlich erfüllen, bleibt dabei allerdings traditionell überschaubar. Denn wie immer zählt nicht nur Qualifikation, sondern vor allem das Timing. Und Timing ist bekanntlich das, was man erst dann erkennt, wenn es bereits verpasst wurde.

Neben Alter, Geschlecht und Erfolgsausweis ist – fast schon banal – die Konkurrenzsituation ein zentraler Erfolgsfaktor. Besonders angenehm lebt es sich als CEO-Anwärter naturgemäss als Einäugiger unter Blinden. Wird das Mitbewerber-Feld allerdings dichter und kompetenter, übernimmt eine überaus eigensinnige Instanz das Kommando: das Momentum. Es ist launisch, kaum steuerbar, zutiefst ungerecht und liebt dramatische Wendungen. Ein kleiner operativer Ausrutscher genügt, um einen designierten Kronprinzen elegant aus dem Rennen zu katapultieren. Umgekehrt reicht manchmal ein glücklicher Zufall, um längst abgeschriebene Kandidaten wieder salonfähig erscheinen zu lassen. In der Bankenwelt nennt man dieses Phänomen dann nüchtern «Dynamik».

Am Ende bleibt die tröstliche Erkenntnis, dass selbst in einer Institution wie der UBS die wichtigste Personalfrage des Hauses weiterhin einem fein austarierten Zusammenspiel aus Zufall, Timing und kollektiver Nervosität unterliegt. Wie das Rennen um den CEO-Posten tatsächlich ausgehen wird, weiss folglich niemand so genau – nicht einmal die angelsächsische Qualitätspresse. Zu zahlreich sind die Unwägbarkeiten, zu volatil die Interessenlage im Verwaltungsrat, zu gross der Einfluss jener Königsmacher, die bevorzugt im Hintergrund agieren und ihre Entscheidungen erst dann erläutern, wenn sie ohnehin als alternativlos gelten.

Für die ambitionierten Kandidaten – ob sichtbar oder diskret positioniert – gilt daher vor allem eines: ruhig bleiben, keine Fehler machen und hoffen, dass sich das Momentum in die eigene Richtung entwickelt. Denn in der Realität entscheidet am Ende selten der beste Lebenslauf, sondern die Fähigkeit, auf den letzten Metern nicht über eine unglückliche Schlagzeile, eine operative Delle oder die plötzlich entdeckte Ambition eines Mitbewerbers zu stolpern. Und sollte sich schliesslich alles exakt so fügen, wie es längst erwartet wurde, wird man mit ernster Miene erklären, der Ausgang sei jederzeit absehbar gewesen – ganz so, wie es sich für eine Grossbank von Weltrang gehört.

Hauptbildnachweis: UBS