Vontobel verlässt Zürich – und die Stadt muss sich fragen, warum
Die alteingesessene Zürcher Privatbank Vontobel kehrt Zürich als Hauptsitz den Rücken. Bis 2030 soll im steuergünstigeren Baar ein neuer Campus entstehen, auf dem mehr als 1’500 Mitarbeitende zusammengeführt werden. Von den heute sieben Standorten in Zürich bleibt lediglich ein Private-Banking-Standort am Bleicherweg für rund 300 Mitarbeitende übrig. Man kann diese Ankündigung bedauern. Man kann sie dramatisieren. Oder man kann sich schlicht fragen: Wie konnte es so weit kommen?
Natürlich ist der Aufschrei gross. Kaum verlässt ein Unternehmen die Stadt, wird – zu Recht – die Notwendigkeit einer wirtschaftsfreundlicheren Standortpolitik thematisiert. Allerdings ausgerechnet nicht von jenen gewählten Volksvertretern, die seit Jahren eine Stadtpolitik verantworten, welche Wirtschaft und Gewerbe zunehmend wie ein notwendiges Übel behandelt. Mehr Verkehrshindernisse, weniger Parkplätze, höhere Kosten, höhere Steuern – und dazu die gönnerhafte Erwartung, Unternehmen würden aus lauter Lokalpatriotismus trotzdem in Zürich bleiben.
Reto Giudicetti, The OnlinerUnternehmen haben keine emotionale Bindung an ihre Steuerrechnung.
Vontobel scheint diesen Patriotismus nicht ganz so verinnerlicht zu haben. Das Management argumentiert dabei nicht ideologisch, sondern nüchtern: Sieben Zürcher Standorte seien schlicht nicht mehr zeitgemäss. In Baar lassen sich die Mitarbeitenden unter einem Dach zusammenführen. Das ist effizienter, moderner – und vermutlich auch günstiger. Dass der Kanton Zug steuerlich nicht gerade als Standortnachteil gilt, dürfte ebenfalls kein völlig irrelevantes Detail sein.
Man muss deshalb nicht in die üblichen Untergangsrituale verfallen. Vontobel verlässt Zürich – aber nicht die Schweiz. Die Bank wandert weder nach London noch nach Frankfurt, geschweige denn nach Dubai oder Singapur. Sie zieht ein paar Kilometer weiter und bleibt wirtschaftlich, operativ und personell eng mit der Region verbunden. Schmerzhaft ist der Entscheid für die Stadt Zürich trotzdem. Nicht, weil damit der Zürcher Bankenplatz untergeht. Sondern weil ein traditionsreiches Finanzinstitut der Stadt eine ziemlich unmissverständliche Botschaft sendet: Der Standort ist uns nicht mehr wichtig genug, um seine Nachteile dauerhaft zu schlucken. Das sollte den Zürcher Stadtvätern und -müttern zu denken geben. Tut es aber mutmasslich nicht. Die Verantwortlichen hüllen sich in Schweigen – vermutlich in der Hoffnung, dass es sich nicht um einen strukturellen Trend, sondern um einen isolierten Standortentscheid handelt. Vontobel ist aber kein Einzelfall, sondern ein Lehrstück darüber, wie Unternehmen tatsächlich funktionieren: Sie rechnen nüchtern, wägen Kosten und Nutzen ab und verfolgen ihre eigenen Interessen. Und genau darin liegt die vielleicht unangenehmste Botschaft für die Zürcher Wirtschaftspolitik: Unternehmen haben keine emotionale Bindung an ihre Steuerrechnung. Höchste Zeit, dass diese Botschaft auch bei den politischen Entscheidungsträgern in der Stadt Zürich ankommt.