Swiss Banking: Es fehlt nicht an Kompetenz, sondern an Haltung

Der Schweizer Finanzplatz steht unter Druck. Er wirkt wie ein System, das sich über Jahre hinweg in aller Ruhe selbst entkernt hat, während es nach aussen hin unbeirrt Stabilität simulierte. Der Niedergang kam nicht über Nacht. Man sah die Risiken, man verstand die Dynamiken – und entschied sich dennoch für das bequemere Narrativ der eigenen Unverzichtbarkeit. Das Ergebnis ist ein Finanzplatz, der inzwischen mehr von seinem Ruf zehrt als von seiner Substanz.

Was einst als helvetischer Vorzeigesektor galt, hat sich in eine Branche verwandelt, die ihre Schrumpfkur in noble Begriffe kleidet: Konsolidierung, Effizienzsteigerung, strategische Neuausrichtung. Filialschliessungen werden zu «Fokussierung», Stellenabbau zu «Optimierung», Rückzug aus Märkten zu «Portfoliobereinigung». Gleichzeitig klagt man über Regulierung, als wäre sie ein unerklärlicher Naturzustand und nicht die direkte Folge jahrelanger Fehlanreize, Selbstüberschätzung und einer bemerkenswert robusten Ignoranz gegenüber Risiken. Die Branche beschwert sich über den Feueralarm, nachdem sie selbst das Streichholz angezündet hat – und wundert sich über den Rauch. Der daraus resultierende Vertrauensverlust in der Gesellschaft ist kein Missverständnis, sondern eine logische Konsequenz. Zu viele Skandale, zu viele Selbstentlastungen, zu viele Entschuldigungen ohne Konsequenzen. Die vielzitierte Lernkurve bleibt flach. Stattdessen wiederholt sich das Ritual: Krise, Regulierung, Empörung, Lobbying – und wieder von vorn. Die Banklobby predigt derweil unermüdlich von Systemrelevanz und volkswirtschaftlicher Bedeutung, untermauert mit Zahlen, die korrekt sein mögen, aber den Kern verfehlen. Denn Vertrauen lässt sich nicht in Tabellenkalkulationen erzwingen. Es entsteht aus Haltung – und genau daran mangelt es sichtbar.

Die Entkopplung vom Rest der Gesellschaft ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass Banken vielerorts nicht mehr als Partner wahrgenommen werden, sondern als abstrakte Risikomaschinen.

Reto Giudicetti, The Onliner

Die Entkopplung vom Rest der Gesellschaft ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass Banken vielerorts nicht mehr als Partner wahrgenommen werden, sondern als abstrakte Risikomaschinen. Institutionen, die Gewinne privatisieren und Verluste vergesellschaften, während sie sich in Hochglanzbroschüren moralisch inszenieren. Nicht ob die nächste Krise kommt, sondern wann – diese Erwartung hat sich im kollektiven Gedächtnis festgesetzt. Und dennoch scheint sie in den Führungsetagen kaum Unruhe auszulösen. Dort beschäftigt man sich lieber mit der Optimierung der Bonus-Struktur als mit der nächsten Kundengeneration.

Auch strukturell hat sich der Charakter der Branche verändert. Persönlich haftende Privatbankiers, die mit eigenem Vermögen für ihr Handeln einstanden, sind rar geworden. Kantonalbanken, die sich konsequent auf ihre regionale Aufgabe konzentrieren, werden zunehmend zu Universalhäusern mit globalem Ehrgeiz und lokalem Gedächtnisverlust. Die Führungsebenen füllen sich mit international rekrutierten Karrieristen – hochqualifiziert, zweifellos, aber oft ohne Bindung an Institution, Standort oder langfristige Verantwortung. Ein Söldnerheer im Massanzug, das in Quartalen denkt und in Boni rechnet, während es von Nachhaltigkeit spricht. Es fehlt nicht an Intelligenz, sondern an Charakter. Anstand wurde durch Compliance ersetzt, Verantwortung durch Risikoübertragung, Unternehmergeist durch Bonusoptimierung. Shareholder Value ist nicht mehr Ziel, sondern Dogma – und alles andere wird als romantische Nostalgie abgetan. Die Realwirtschaft wird beschworen, solange sie als Argument taugt, und ignoriert, sobald sie Rendite kostet. So entsteht ein Finanzplatz, der glänzt wie poliertes Metall, aber innen korrodiert. Und doch wäre es zu einfach, diesen Zustand als endgültig zu erklären. Denn gerade in der Schweiz existieren noch immer die Voraussetzungen für eine Wende: stabile Institutionen, ein aufgeklärtes Publikum, eine Tradition verantwortungsvoller Finanzkultur, die nicht völlig verschwunden ist. Es gibt Banker, die Integrität höher gewichten als den eigenen Bonus; Politiker, die Regulierung nicht als Feindbild, sondern als Schutzmechanismus verstehen; Kundinnen und Kunden, die wieder echte Beratung einfordern.

Wenn der Finanzplatz bereit ist, sich ehrlich zu prüfen, Fehlanreize zu korrigieren und Verantwortung wieder ernst zu nehmen, kann aus dem Schatten erneut Substanz wachsen. Vertrauen lässt sich verlieren – aber auch zurückgewinnen. Es braucht weniger Pathos, weniger Selbstbeweihräucherung und mehr Bescheidenheit, mehr Haftung, mehr Langfristigkeit. Kurz: die Einsicht, dass Stärke nicht aus Unfehlbarkeit entsteht, sondern aus der Fähigkeit zur Korrektur. Der Schweizer Finanzplatz steht am Tiefpunkt, ja. Aber Tiefpunkte haben eine Eigenschaft, die man in den Führungsetagen vielleicht wiederentdecken sollte: Von dort aus gibt es nur zwei Wege – weiter nach unten oder zurück zur Vernunft. Noch ist beides möglich.