Weltwirtschaft stabilisiert sich – Rückenwind für Anleihen?
Die Weltwirtschaft hat sich stabilisiert, doch die Kräfte, die auf Wachstum, Inflation und Zinsen wirken, bleiben widersprüchlich. Starkes Wachstum im Zusammenhang mit Investitionen in künstliche Intelligenz, steigende Produktivität und robuste US-Konjunkturdaten stützen die globale Wirtschaft. Gleichzeitig bleiben geopolitische Unsicherheiten, erhöhte Inflation und unterschiedliche regionale Entwicklungen wichtige Einflussfaktoren.
Geopolitisch sorgt der US-Iran-Konflikt weiter für Unsicherheit. Zudem rückt der Verschuldungsgrad wichtiger Industrieländer zunehmend in den Fokus der Anleger. Inflationssorgen und veränderte Erwartungen an die US-Geldpolitik haben die Treasury-Renditen steigen lassen. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen liegt derzeit bei über 5 Prozent. Höhere Renditen spiegeln allerdings auch stärkere Wachstumserwartungen sowie einen steigenden Kapitalbedarf zur Finanzierung langfristiger Anlagethemen wie künstliche Intelligenz, Energie und Verteidigung wider. Das globale Wachstum hat sich zwar stabilisiert. Gleichzeitig bleibt der weitere Verlauf des US-Iran-Konflikts ein potenzieller Auslöser für Volatilität. Umso wichtiger ist es, neben den geopolitischen Risiken auch die fundamentalen Wachstumstreiber im Blick zu behalten – allen voran die hohen Investitionen rund um künstliche Intelligenz.
US-Wirtschaft trotzt den Belastungen
Die US-Wirtschaft hat sich bislang robuster entwickelt als erwartet. Arbeitsmarkt und Konsum haben positiv überrascht, während hohe Investitionen rund um künstliche Intelligenz sowie steigende Produktivität den Unternehmen und der Konjunktur zusätzlichen Rückenwind verschafft haben. Ganz ohne Schwachstellen ist das Bild jedoch nicht: Das Lohnwachstum hat nachgelassen, die Inflation bleibt erhöht und sinkende Sparquoten begrenzen den finanziellen Spielraum der Konsumenten. Die US-Wirtschaft zeigt sich widerstandsfähig. Entscheidend ist nun, ob der Konsum diese Stärke beibehalten kann, wenn die Realeinkommen unter Druck stehen und die finanziellen Puffer der Konsumenten kleiner werden.
Peter Becker, Fixed Income Investment Director, Capital GroupDie Weltwirtschaft stabilisiert sich, aber nicht überall im gleichen Tempo. Die Unterschiede zwischen den Regionen bleiben gross – und damit auch die Anforderungen an die Positionierung von Anlegern.
Konjunkturbild bleibt regional uneinheitlich
Ausserhalb der USA zeigt sich ein zunehmend uneinheitliches Bild. Europa wächst nur moderat, während sich der Inflationsdruck auf den Dienstleistungssektor ausweitet und die Europäische Zentralbank deshalb voraussichtlich weiter gegensteuert. In China finden sich dagegen erste Anzeichen einer Stabilisierung bei Unternehmen und privaten Haushalten. Auch die Belastungen durch den Immobiliensektor hat nachgelassen, von einer breiten Erholung der Immobilienpreise kann bislang jedoch noch keine Rede sein. Japan wiederum steht vor der schwierigen Kombination aus steigender Inflation und fragilem Wachstum. Die Weltwirtschaft stabilisiert sich, aber nicht überall im gleichen Tempo. Die Unterschiede zwischen den Regionen bleiben gross – und damit auch die Anforderungen an die Positionierung von Anlegern.
Höhere Renditen verbessern die Ausgangslage
Auch für Anleiheinvestoren ist das Bild nicht eindeutig. Die Bewertungen vieler Fixed-Income-Segmente sind im historischen Vergleich anspruchsvoll. Gleichzeitig verbessern höhere Renditen die Ausgangslage für künftige Erträge. Nach Jahren aussergewöhnlich niedriger Zinsen werden Anleger nun wieder für das Halten von Anleihen entlohnt. Angesichts der engen Bewertungen setzen wir dennoch auf eine eher defensive Positionierung, hohe Qualität und eine breite Diversifikation.
Höhere Renditen, mehr Chancen für selektive Anleger
Bei Unternehmensanleihen spricht die robuste US-Wirtschaft weiterhin für solide Fundamentaldaten. Gleichzeitig sind die Bewertungen inzwischen anspruchsvoll. Statt breit in den Markt zu investieren, kommt es aus unserer Sicht daher stärker auf die Auswahl einzelner Anleihen an – sowohl im Investment-Grade- als auch im High-Yield-Bereich. Bei US-Staatsanleihen empfiehlt sich eine gezielte Positionierung entlang der Zinskurve. Während wir am langen Ende angesichts der hohen Staatsverschuldung und möglicher zusätzlicher Laufzeitprämien zurückhaltend bleiben, sehen wir mehr Potenzial bei mittleren Laufzeiten.
Fazit: Ertragspotenzial mit Widerstandsfähigkeit verbinden
Die Stabilisierung der Weltwirtschaft verbessert das Umfeld für Anleihen, beseitigt die bestehenden Risiken jedoch nicht. Geopolitische Unsicherheit, erhöhte Inflation, unterschiedliche regionale Entwicklungen und eine zunehmend schwer vorhersehbare Reaktion der Fed können weiterhin für Volatilität sorgen. Gleichzeitig bieten höhere Ausgangsrenditen eine solidere Grundlage für künftige Erträge und haben die Rolle von festverzinslichen Wertpapieren als wichtige Ertragsquelle für Anleger wiederhergestellt. Für Anleger kommt es daher nach unserer Einschätzung darauf an, Renditepotenzial und Widerstandsfähigkeit miteinander zu verbinden. Das bedeutet eine konservative, diversifizierte und qualitativ höherwertige Ausrichtung sowie eine stärkere Selektivität bei Kreditrisiken.