Reiche Amerikaner zieht es in die Ferne
US-Millionäre suchen neue Wohnsitze. Sie zügeln in den Süden der USA und vermehrt auch ins Ausland. Die Wanderungsbewegung gilt als ein Zeichen der Unzufriedenheit mit der Lage in vielen Teilen des Landes.
Sogenannte Ansiedlungsagenturen haben Konjunktur. Ihr Geschäft besteht darin, vermögenden Menschen in aller Welt gegen Geld zu Niederlassungsrechten, zusätzlichen Staatsbürgerschaften und Immobilien in anderen, meist als besonders sicher geltenden und steuergünstigen Ländern zu verhelfen. Als Marktführer gilt Henley & Partners unter dem Schweizer Christian Kälin. Bisher waren meist Inder, Chinesen und Russen die mehr oder weniger seriösen Interessenten für die Angebote von Henley unter dem wohlklingenden Titel «Residence and Citizenship by Investment». Jetzt könnte eine zusätzliche, bedeutende Klientel hinzukommen, nämlich amerikanische Millionäre.
Jürgen Dunsch, WirtschaftsjournalistDamit kein falscher Eindruck entsteht. Die Vereinigten Staaten verzeichnen nach wie vor auch im Kreis der Wohlhabenden eine Nettozuwanderung.
Schon 2019 wurden sie zur bedeutendsten Interessentengruppe von Henley & Partners gemessen an den Vermögen. Jetzt ist die Zahl der Anfragen raketengleich in die Höhe geschossen, wird Nordamerika-Chef Mehdi Kadiri in einer Medienmitteilung zitiert. Der Anstieg habe 2022 nicht weniger als knapp 450 Prozent betragen. Henley reagierte darauf mit der Eröffnung von neuen Büros in Los Angeles, New York und Miami.
In Miami leben 38’000 Millionäre
Bestärkt fühlt sich die Ansiedlungsagentur durch die Erkenntnisse ihres erstmals vorgelegten USA Wealth Report, der die Wanderungsbewegungen wohlhabender und superreicher Amerikaner mit Finanzvermögen von mindestens einer Million beziehungsweise 100 Millionen US-Dollar zu ergründen versucht. Dem Bericht zufolge zieht es einerseits viele Amerikaner aus Städten wie New York, Chicago und Los Angeles innerhalb des Landes an Orte wie Miami, Austin und Scottsdale bei Phoenix. Allein der Hotspot Miami zählt inzwischen 38’000 Millionäre. Superreiche begeistern sich darüber hinaus für die Rocky Mountains. Aber auch das Ausland erscheint vielen Millionären und anderen Amerikanern mit noch kräftigeren Finanzpolstern zunehmend attraktiv. Damit kein falscher Eindruck entsteht. Die Vereinigten Staaten verzeichnen nach wie vor auch im Kreis der Wohlhabenden eine Nettozuwanderung. Allerdings fiel die Zahl nach den Angaben in dem Reichtumsbericht von 6’400 bis 10’800 in den Jahren 2013 bis 2019 auf 1’500 im Jahr 2022. Zusammen mit den von Kadiri genannten Anfragen deutet dies auf eine wachsende Mobilität der Amerikaner als wesentliche Ursache des Rückgangs hin. Dafür verantwortlich seien die Inflation, soziale und politische Turbulenzen und ein rapide schrumpfender (oberer) Mittelstand, heisst es in dem USA Wealth Report. Offen bleibt auch, ob die auswanderungswilligen Amerikaner nur ein zweites ständiges Domizil suchen oder ihre Staatsbürgerschaft ganz aufgeben.
Lockruf der Goldenen Visa
Am Pass kann es nicht liegen. Laut dem im Januar vorgelegten Henley Passport Index können US-Bürger 186 von 227 Destinationen rund um den Globus ganz ohne oder mit an der Grenze ausgestellten Visa erreichen. Ihr Reisedokument liegt damit auf Rang 7 des Index. Mit einer echten Niederlassungsbewilligung kann es indes nicht konkurrieren. Kadiri nennt das Programm von Portugal sowie Malta, das direkt eine EU-Staatsbürgerschaft ermöglicht, am attraktivsten für seine Interessenten aus den Staaten. Die Agentur weiss, wovon sie spricht. Ihr offizieller Sitz ist ebenfalls auf Malta.