Deutschland schrumpft, aber die Totenmesse ist abgesagt
Deutschland steht vor politischen und ökonomischen Herausforderungen mit Auswirkungen auf die gesamte Eurozone. Trotzdem reisst das Land seine Unternehmen nicht in den Abgrund. Denn deutsche Aktien haben nichts mit der Aktie «Deutschland» gemein.
Die neuesten Zahlen des Statistikamts Eurostat sind ein zum Wirtschaftswachstum im letzten Quartal 2023 sind ein harter Schlag ins Gesicht des Comptoirs. Deutschland verzeichnet einen Rückgang um 0,3 Prozent. Der ehemalige Exportweltmeister ist heute die Bremse in der Europäischen Union. Besserung ist nicht in Sicht, sagen IWF und OECD.
Thomas Meier, Portfolio Manager, MainFirstDeutschland hat in den letzten Jahren eine Reihe von Krisen gemeistert, angefangen beim Handelskonflikt zwischen den USA und China über die Pandemie bis hin zu Kriegshandlungen und Energiekrisen.
Neben dem fehlenden Wachstum leidet das Land auch unter strukturellen Problemen: Der aufgeblähte Sozialstaat, der Rückstand bei der Digitalisierung und hohe bürokratische Hürden machen der Wirtschaft zu schaffen. Hinzu kommen die negative demografische Entwicklung und die steigenden Energiepreise. Das Land reagiert zunehmendem hektisch und ohne langfristige Agenda auf die Probleme. In der Folge des steigenden Protektionismus und Deglobalisierung werden sich die ökonomischen und gesellschaftlichen Verteilungskämpfe verschärfen. Pessimismus macht sich breit. Einfache populistische Lösungen feiern jetzt gerade ihre Wiederkehr.
Die Totenmesse ist abgesagt
Ich rate von einem Abgesang auf die deutsche Unternehmenswelt ab. Deutschland hat in den letzten Jahren eine Reihe von Krisen gemeistert, angefangen beim Handelskonflikt zwischen den USA und China über die Pandemie bis hin zu Kriegshandlungen und Energiekrisen. In Zeiten des um sich greifenden Pessimismus wird ein entscheidender Aspekt übersehen: Die börsennotierten Unternehmen haben ihre Hausaufgaben gemacht. Sie haben die Krisen genutzt, um ihre Preisgestaltung anzupassen und ihre Energiequellen sowie Lieferketten zu diversifizieren. Die DHL-Gruppe und BASF haben die Herausforderungen der Pandemie und Ukrainekonflikts erfolgreich gemeistert. Daher ist es nicht überraschend, dass trotz des negativen Standortumfelds der deutsche Aktienindex neue Höchststände erreicht hat. Die Pandemie hat dazu geführt, dass Unternehmen ihre Verschuldungsgrade deutlich reduziert und ihre Kosten- sowie Produktionsprozesse dynamisch angepasst haben. Auch der Schweizer Rolltreppen- und Lift-Hersteller Schindler hat sich erfolgreiche angepasst. Die Kostenstruktur sowie die Produktionsprozesse wurden vereinfacht, dies hat zu einer Anhebung der operativen Margen geführt.
Erfolg hat, wer nicht vom Standort abhängig ist
Verschlechternde Standortbedingungen, wie sie in Deutschland herrschen, treffen besonders kleine und mittlere Unternehmen im Privatbesitz, die nicht in der Lage sind, das schwache Wirtschaftswachstum durch andere Märkte auszugleichen. Investoren sollten Klumpenrisiken vermeiden und ihr Portfolio diversifizieren, indem sie stets internationale Unternehmen einbeziehen. International tätige Unternehmen können sich von negativen Standortfaktoren lösen. Sie expandieren global und diversifizieren sich mit neuen Produkten und Dienstleistungen. Der Hauptsitz eines Unternehmens ist nicht entscheidend, sondern seine Absatzmärkte. Ein internationales Beispiel hierfür ist Nestlé, das 2022 einen Jahresumsatz von CHF 94,4 Milliarden erzielte. Nur gerade 1,2 Prozent des Umsatzes entfielen auf die Schweiz. Das Schweizer Erfolgsmodell basiert auch auf Basis von harten, aber erfolgreichen, Reformen, um im internationalen Vergleich weiterhin wettbewerbsfähig zu bleiben. Ich möchte nur erinnern an die Entscheide über die Eidgenössischen Volksinitiativen «für eine kürzere Arbeitszeit» (2002), «6 Wochen Ferien für alle» (2012) oder «Für eine sichere und nachhaltige Altersvorsorge», die das Rentenalter für Frauen erhöhte.
Deutschland Änderungswillen nicht unterschätzen
Deutschland mag derzeit in einem schlechten Zustand sein, aber erfolgreiche internationale Unternehmen dürften davon nur marginal beeinflusst werden. Deutschland benötigt strukturelle Reformen, um das Potenzial bestehender Unternehmen zu erschliessen und zukünftig attraktive Unternehmen anzuziehen, um den Wohlstand zu sichern. Wie einst bei der «Agenda 2010» unter dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder darf man Änderungswillen und Gestaltungsprozesse niemals unterschätzen, sobald eine Aufbruchstimmung in Kombination mit tiefgreifenden Reformen entsteht. Deshalb empfehle ich Ihnen: Seien Sie vorsichtig mit der Aktie «Deutschland», aber nicht mit deutschen Aktien.