Wird durch den Irankrieg eine neue Anlage-Ära eingeläutet?
Die langfristigen Folgen des Irankriegs und der US-Zollerhöhungen sowie des sich generell verschärfenden Konflikts zwischen China und den USA sind schwierig zu erkennen. Ein Blick in die Vergangenheit und viel Erfahrung können helfen, diese Art von «neuer Anlage-Ära» besser zu verstehen. Diese ist geprägt von weniger Globalisierung, höherer Inflation und vor allem weniger Berechenbarkeit. Auch aufgrund stärkerer Einmischung der Regierungen in die Volkswirtschaften könnten künftig die Marktschwankungen zunehmen. Ein im Vergleich zur früher populären Allokation zwischen Aktien und Anleihen nun deutlich diversifizierteres Portfolio kann bei höherer Inflation zum Beispiel von Immobilien-, Privatmarkt- oder Rohstoffanlagen profitieren.
Seit vielen Jahren haben wir uns an bestimmte Muster gewöhnt, nach denen die Finanzmärkte funktionieren. Müssen wir umdenken? Wenn man über 30 Jahre Erfahrung an den Finanzmärkten hat und die Marktkorrekturen von 1973/1979 (Ölkrisen und Inflation), 1987 (grösster US-Tages-Crash), 1990 (Rezession), 1997/98 (Asienkrise), 2000 bis 2002 (Platzen der Technologieblase), 2008 (Banken- und Immobilienkrise), 2010/11 (Eurokrise) sowie 2020 und 2022 aktiv erlebt hat, lässt sich der Kontext vielleicht besser erkennen. Entscheidend sind die globalen Zusammenhänge.
Gérard Piasko, Chefökonom, Maerki Baumann & Co.Globale Lieferketten könnten für Rohstoffsicherheit neu organisiert werden – Diversifikation wird wichtiger.
Das Anlageumfeld vor den 1980er Jahren war durch oft wechselnde Phasen von konjunktureller Überhitzung und dann wieder deutlicher Abkühlung geprägt. Begleitet wurden diese Phasen jeweils von steigender Inflation und Zinserhöhungen durch die Zentralbanken, sie wurden aber auch abgelöst von Phasen sinkender Teuerung und wieder sinkender Zinsen – in häufigem Wechsel. Wegen der Schwankungen verlangten die Marktteilnehmer eine Risikoprämie als Ausgleich für die Unberechenbarkeit, was bei Aktien und Staatsanleihen teilweise zu Bewertungsabschlägen führte, ausgelöst durch höhere Inflation, Angebotsengpässe und Rivalität der Supermächte.
Ab den frühen 1980er Jahren entwickelte sich das Anlageumfeld langsam hin zu geringerer Volatilität. Dafür gab es verschiedene Gründe. Die geopolitischen Spannungen zwischen den Supermächten USA, Russland und China nahmen langsam ab, die Inflation ging zurück und die Leit- und Marktzinsen tendierten entsprechend nach unten. Zudem reduzierte sich die Einmischung der Regierungen in die Wirtschaft unter US-Präsident Reagan und der britischen Premierministerin Thatcher, insbesondere in der Finanzbranche. Die Regulierung nahm ab und der prozentuale Anteil der Unternehmensgewinne an der gesamten Wirtschaftsaktivität erhöhte sich. Dieser stieg noch mehr, als der Einfluss der Gewerkschaften schwand und dies die Firmengewinne infolge geringerer Lohnsteigerungen positiv beeinflusste. In der Folge stiegen die Aktienbewertungen wieder, die Risikoprämie reduzierte sich.
Seit den 1990er Jahren kam unterstützend für das Gewinnwachstum der Unternehmen und deren Bewertung auch noch die starke Globalisierung hinzu. Nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 konnten stetig neue Absatzmärkte in den Schwellenländern gewonnen werden. 1995 wurde Indien Mitglied der Welthandelsorganisation, 2001 dann China. Dies bedeutete nicht nur neue Kunden, sondern ermöglichte auch, die Produktion in kostengünstigere Länder zu verlegen. Die Verlagerung der Produktion nach Asien, speziell China, führte zu noch mehr Gewinnwachstum und noch höheren Aktienbewertungen. Globalisierung bzw. Kosteneinsparung durch effiziente (jedoch nicht sichere) globale Lieferketten wird nun aber zunehmend hinterfragt. Eine neue Ära wird durch den Irankrieg und mehr Rivalität zwischen China und den USA eingeläutet. Es gibt neue Prioritäten für die USA und China, aber auch für Europa: mehr Sicherheit und weniger Abhängigkeit. In der Corona-Krise und durch den Ukrainekrieg wurden wir diesbezüglich bereits wachgerüttelt. 2008 in der Finanzkrise gab es einen Nachfrageschock, der die Inflation reduzierte, jetzt könnte es ähnlich wie 2022 und bedingt durch den Ukrainekrieg eher einen Angebotsschock geben, bei dem globale Lieferketten neu organisiert werden müssen, was das Wirtschaftswachstum sowie die Inflation ungünstig beeinflussen könnte. Die neue Anlage-Ära ist daher vielleicht wieder mehr geprägt von Unberechenbarkeit, steigender Einmischung des Staates in die Wirtschaft und weniger Globalisierung. Das bedeutet im historischen Vergleich höhere Unsicherheit und Volatilität sowie wohl höhere Kosten für die Unternehmen, woraus höhere Risikoprämien bzw. Bewertungsabschläge resultieren können. Daher dürfte ein im Vergleich zu früher, als mehrheitlich nur Aktien und Anleihen populär waren, deutlich breiter diversifiziertes Portfolio sinnvoll sein, das zum Beispiel auch von Immobilien-, Privatmarkt- oder bei steigender Inflation von Rohstoffanlagen profitieren kann.