Bärenmarkt für Anleihen?
Jüngst sah es für Anleihen düster aus: Die Renditen 10-jähriger US-Staatsanleihen sind von ihrem Tiefpunkt Anfang April um 35 Basispunkte gestiegen, die Renditekurve verschob sich nach oben – und die Preise für langlaufende Staatsanleihen stürzten ab. An den steigenden Inflationserwartungen lag das allerdings nicht, denn die Breakeven-Werte haben sich nicht bedeutend verändert. Was gestiegen ist, sind die realen Renditen.
Noch schlechter erging es britischen Staatsanleihen. Inhaber der 50-jährigen indexgebundenen britischen Gilts erlitten seit Anfang April einen Kapitalverlust von fast 30 Prozent. Doch was ist der Grund für diesen Bärenmarkt bei Anleihen? Ich glaube nicht, dass die US-Schuldenobergrenze etwas damit zu tun hat. Vielmehr führe ich die schlechte Performance von Anleihen auf drei Faktoren zurück:
- Übergang von der quantitativen Lockerung zur quantitativen Straffung
Die geldpolitische Wende wurde von den Zentralbanken lange im Voraus angekündigt, woraufhin die Renditen der Staatsanleihen stiegen. Doch warum ein weiterer Anstieg? Meine Vermutung: Die Zentralbanken könnten das Tempo beschleunigen, mit dem sie den Bestand an angekauften Anleihen abbauen. Ich habe kürzlich erörtert, wie quantitative Lockerung die Probleme der Regionalbanken in den USA verschärft hat: Indem die Federal Reserve Zinsen auf überschüssige Reserven zahlen musste, blockierte sie ein wichtiges Sicherheitsventil – dieses verhindert normalerweise, dass Einleger bei Verdacht einer Finanzkrise aus Banken flüchten. Ich wäre deshalb nicht überrascht, wenn die Mitglieder der Federal Reserve das Thema diese Woche zur Sprache bringen. Sie könnten und sollten die quantitative Straffung beschleunigen. - Eine Kreditverknappung ist im Gange
Eine Kreditverknappung – eine natürliche Folge der Leitzinserhöhungen – ist zweifellos im Gange. Eine plötzliche und drastische Einschränkung der Kreditvergabe scheint es allerdings nicht zu geben. Und auch die Anzeichen einer Abschwächung auf dem US-Arbeitsmarkt haben sich als falsch erwiesen, da die steigende Zahl an Anträgen auf Arbeitslosenunterstützung sich als Betrug herausstellte. - Terminhändler verkaufen Long-Positionen in Staatsanleihen
Mit dem Anstieg der Renditen mussten Händler an den Terminmärkten, die Long-Positionen in Staatsanleihen besassen, ihre Positionen abbauen und Anleihen verkaufen. Diese Art von Reaktion gibt es immer – in letzter Zeit war sie aber ungewöhnlich stark ausgeprägt.
Staatsanleihen werden sich erholen
Wie geht es nun weiter? Ich denke, dass der jüngste Renditeanstieg Anleihen attraktiv macht. Zwar bedeutet die quantitative Straffung, dass das Angebot grösser wird. Doch der Preis hat sich bereits angepasst, und die Nachfrage wird sich von anderen Anlageklassen nun wieder auf Anleihen verlagern. Bereits jetzt zeigt sich ein geringeres Interesse an Unternehmensanleihen. Insbesondere der steile Renditeanstieg bei indexgebundenen Anleihen des Vereinigten Königreich macht es für Pensionsfonds attraktiv, ihr Kapital jetzt anzulegen. Das wird die Nachfrage nach Gilts erhöhen, insbesondere falls die Daten diese Woche Grossbritannien einen starken Rückgang der Inflation bescheinigen – was mit grösster Wahrscheinlichkeit der Fall sein wird.
Steven Bell, Chief Economist, Columbia ThreadneedleIch denke, dass der jüngste Renditeanstieg Anleihen attraktiv macht. Zwar bedeutet die quantitative Straffung, dass das Angebot grösser wird. Doch der Preis hat sich bereits angepasst, und die Nachfrage wird sich von anderen Anlageklassen nun wieder auf Anleihen verlagern.
Für die USA sehe ich schwarz: Zwar sind einige US-Wirtschaftsdaten in letzter Zeit besser ausgefallen, doch das gilt nicht für alle Bereiche. So sind die Hypothekenzinsen nach einem kurzen Rückgang zwischen Oktober 2022 und Anfang Februar fast wieder auf dem vorherigen Höchststand und ein erneuter Abschwung ist wahrscheinlich. So ist der Capex-Tracker von Goldman Sachs in den negativen Bereich gefallen – ein Anzeichen dafür, dass US-Unternehmen ihre Investitionen kürzen. Grund ist grösstenteils der Druck auf die Gewinnspannen. Wenn Unternehmen Investitionen kürzen, bauen sie in der Regel auch Arbeitsplätze ab. Für mich steht deshalb fest: Die US-Rezession ist eher aufgeschoben als aufgehoben.