Warum der nächste schwarze Schwan aus Washington kommen könnte

Die globalen Kapitalmärkte stehen vor einem strukturellen Umbruch. Die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen Jahre – insbesondere seit der Pandemie – haben eine neue Phase eingeläutet, die von stärkerem staatlichem Einfluss, zunehmender Fragmentierung des Welthandels und neuen geopolitischen Spannungen geprägt ist.

Die Vereinigten Staaten haben seit der globalen Finanzkrise unter den grossen Industrieländern eine herausragende Wachstumsdynamik gezeigt und die Kapitalmärkte dominiert. Diese Phase könne sich jedoch dem Ende nähern. Der US-Aktienmarkt ist hoch bewertet, während der Wachstumsvorteil der US-Wirtschaft zunehmend schwindet. Hinzu kommen protektionistische Tendenzen, eine restriktivere Einwanderungspolitik sowie eine hohe fiskalische Belastung. Die grösste Gefahr ist jedoch die hohe Staatsverschuldung. Inzwischen geben die USA mehr Geld für den Schuldendienst aus, als für die Verteidigung. Und die Fiskalpolitik bleibt expansiv – getragen von Steuersenkungen, Deregulierung und steigenden Ausgaben. In diesem Umfeld sehen wir erhöhte Inflationsrisiken. Zwar hat sich der Inflationsdruck zuletzt abgeschwächt, doch mehrere strukturelle Faktoren könnten eine erneute Reflation begünstigen: steigende Staatsschulden, eine restriktivere Migrationspolitik, zunehmende Aufrüstung, Deglobalisierung sowie eine strukturelle Verknappung wichtiger Rohstoffe. Auch die jüngste Verteuerung von Industriemetallen sind Ausdruck dieser Entwicklung.

Im Zentrum der systemischen Risiken steht der US-Dollar.

Werner Krämer, Senior Economic Analyst, Lazard Asset Management

Im Zentrum der systemischen Risiken steht der US-Dollar. Wenn es eine Krise gibt, schlägt sie sofort auf den US-Dollar durch. Zwar besteht keine ernstzunehmende Alternative zur US-Währung als globale Leitwährung. Doch die aktuelle Politik der USA untergräbt zunehmend das Vertrauen in den Dollar, was sich in dessen Kursentwicklung bereits widerspiegelt. Die Stärke von Gold und Silber ist Ausdruck der wachsenden Unsicherheit an den Märkten.

Europa: Verpasste Gelegenheiten trotz wachsender Schulden
Europa wiederum hat die grosse Stunde verpasst. So wird in Deutschland zwar mit einem «Sondervermögen» von 500 Milliarden Euro in Infrastruktur investiert und die Schuldenbremse für Verteidigungsausgaben gelockert. Zudem ist über die kommenden zwölf Jahre ein massiver Anstieg der deutschen Staatsverschuldung auf bis zu 1,8 Billionen Euro vorgesehen, was rund 90 Prozent des BIPs entspricht. Doch trotz dieser fiskalischen Impulse scheitert ein echter Neustart an fehlenden Strukturreformen. Die EU ist nicht stark und Deutschland im Nirgendwo. Aus meiner Sicht dürfte der fiskalische Impuls das Wachstum in der Eurozone langfristig um lediglich 0,5 Prozentpunkte pro Jahr erhöhen.

Asien: unterschiedliche Strategien mit unterschiedlichem Erfolg
China hat im Gegensatz zu den USA oder Europa eine Strategie – und die Politik der US-Regierung stärkt die Stellung Chinas in der Welt. Doch China befindet sich dennoch in einer ökonomisch schwierigen Lage. Eine Kombination aus übermässigen Investitionen in den Immobiliensektor, schwacher Konsumnachfrage und struktureller Überproduktion führt zu deflationären Tendenzen. Japan wiederum hat nach Jahrzehnten der Deflation einen Wendepunkt erreicht. Die Inflation ist deutlich gestiegen, die Geldpolitik befindet sich im Umbruch, und Reformen im Unternehmenssektor könnten langfristig positive Effekte entfalten. Die Situation in Japan hat sich gravierend gewandelt. Dennoch bleibt der gesamtwirtschaftliche Ausblick mit einer BIP-Prognose von etwa 1 Prozent moderat.

Was bedeutet das für Investoren?
Für Investoren leiten wir daraus die Notwendigkeit einer breiteren Diversifikation ab. Nach Jahren aussergewöhnlicher US-Dominanz spricht vieles dafür, globale Portfolios ausgewogener aufzustellen. Für Euro-Investoren wird zudem die Frage der Währungsabsicherung an Bedeutung gewinnen. Chancen sehen wir unter anderem in ausgewählten Schwellenländern, die von einem schwächeren US-Dollar, sinkenden Leitzinsen und strukturellen Reformen profitieren könnten. Auch Qualitätsaktien sowie US Small Caps erscheinen nach Jahren der Underperformance wieder attraktiver bewertet. Fazit: Wir stehen nicht vor einem abrupten Bruch, sondern vor einer schrittweisen Neuordnung der globalen Kapitalmärkte. In diesem Umfeld gewinnen Risikomanagement, Diversifikation und eine differenzierte regionale Betrachtung deutlich an Bedeutung. Die Vielzahl potenzieller Risiken von der US-Dollar-Schwäche über Inflationsdruck bis hin zu fehlenden Reformen erinnert an «einen Himmel voller schwarzer Schwäne». Welche davon im weiteren Jahresverlauf tatsächlich landen könnten, ist noch offen.

Hauptbildnachweis: Freepik