Klimastress als Investmentchance: Die Profiteure des El Niño
Das Klimaphänomen El Niño ist zurück. Dies ist nicht nur wegen der möglichen Auswirkungen auf das Klima relevant, sondern auch aufgrund der wirtschaftlichen Folgen. Ein starker El Niño kann die Versorgung mit Nahrungsmitteln, Wasser und Energie zusätzlich unter Druck setzen. Für Anleger ergeben sich damit allerdings auch Investmentmöglichkeiten.
El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen im Pazifischen Ozean. Während einer El-Niño-Phase erwärmt sich das Meerwasser im zentralen und östlichen Teil des Ozeans. Zwar wird El Niño nicht durch den Klimawandel verursacht, doch tritt das Phänomen heute vor dem Hintergrund einer deutlich wärmeren Welt auf. Nach Angaben der US-amerikanischen Behörde für Ozeanographie, Meteorologie und Klimaforschung (National Oceanic and Atmospheric Administration, NOAA) war der Juni 2026 der zweitwärmste Juni seit Beginn der Aufzeichnungen.
Nedialko Nedialkov, Portfolio Manager, Allianz Global InvestorsEl Niño mag zwar ein temporäres Ereignis sein. Die damit verbundenen Anlagechancen sind jedoch struktureller Natur.
Im Juli 2026 bestätigte NOAA, dass sich El Niño verstärkt. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 97 Prozent werde das Phänomen bis zum Frühjahr 2027 anhalten. Zudem bestehe eine Wahrscheinlichkeit von 81 Prozent, dass sich El Niño im vierten Quartal dieses Jahres zu einem «sehr starke» Ereignis entwickelt. Damit könnte der aktuelle El Niño zu den stärksten seit Beginn der Messungen im Jahr 1950 zählen. Für Anleger ist vor allem entscheidend, was dies für Sektoren bedeutet, die für die Wirtschaft unverzichtbar sind.
Landwirtschaft: steigende Nachfrage nach Technologie
Reis verdeutlicht, wie eng Klima und Wirtschaft miteinander verknüpft sind. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ist auf Reis als Grundnahrungsmittel angewiesen. Gleichzeitig reagiert die Reis-Produktion sehr empfindlich auf Dürren und hohe Temperaturen. Nach Angaben der Weltbank könnte die Reisproduktion in einigen Regionen um 20 bis 50 Prozent zurückgehen, wenn El Niño bis 2027 anhält. Besonders gefährdet sind Südasien, das südliche Afrika und Teile Ostasiens. Für Anleger ist dies einerseits mit Risiken für die Lebensmittelpreise verbunden. Andererseits kann dies der Weiterentwicklung von Agrartechnologie weiteren Schub verleihen. Intelligente Bewässerungssysteme, Bodensensoren, präzisere Landmaschinen und dürreresistente Nutzpflanzen können Landwirte dabei unterstützen, mit weniger Wasser mehr Nahrungsmittel zu produzieren. Daraus resultiert ein struktureller Wachstumsmarkt. Auf die Landwirtschaft entfallen rund 70 Prozent der weltweiten Süsswasserentnahmen. Ein effizienterer Umgang mit Wasser wird damit immer wichtiger.
Wasser: Lecks, die wir uns nicht mehr leisten können
Apropos Wasser – auch der Wassersektor verdient mehr Aufmerksamkeit. Ein grosses Problem ist sogenanntes «Non-Revenue Water»: aufbereitetes Wasser, das durch Leckagen, Diebstahl oder ungenaue Wasserzähler nie beim Kunden ankommt. Nach Angaben der Weltbank entstehen Versorgungsunternehmen dadurch weltweit jedes Jahr Kosten von rund 14 Milliarden US-Dollar. Würden diese Verluste in Entwicklungsländern halbiert, könnte das zusätzlich verfügbare Wasser ausreichen, um weitere 90 Millionen Menschen zu versorgen. Für Anleger ergeben sich daraus Chancen bei Unternehmen, die Lösungen für Leckageortung, intelligente Wasserzähler, Sensoren, Pumpen und digitale Analysen anbieten. Mit zunehmender Wasserknappheit dürfte der wirtschaftliche Wert dieser Technologien steigen.
Energie: Investitionen in ein widerstandsfähigeres Stromnetz
Extreme Hitze macht auch die Energieversorgung anfälliger. Frankreich liefert dafür ein anschauliches Beispiel: Kernenergie deckt dort gut zwei Drittel der Stromerzeugung ab, doch Kernkraftwerke sind auf Kühlwasser angewiesen. Während der europäischen Hitzewelle erwärmten sich einige Flüsse aussergewöhnlich stark, zugleich sanken die Wasserstände. In der Folge mussten Kernkraftwerke ihre Leistung drosseln oder vorübergehend abgeschaltet werden. Für Anleger unterstreicht dies, wie wichtig Investitionen in ein flexibleres und widerstandsfähigeres Stromnetz sind. Batterien, Transformatoren, Stromleitungen, intelligente Software, energieeffiziente Gebäude und effiziente Kühlsysteme – all diese Segmente profitieren vom wachsenden Bedarf an einem zuverlässigeren Energiesystem. Nur zwei Zahlen dazu: Nach Angaben der Internationalen Energieagentur müssen bis 2040 weltweit rund 80 Millionen Kilometer Stromleitungen neu gebaut oder ersetzt werden. Dafür müssten sich die jährlichen Investitionen in Stromnetze bis 2030 auf mehr als 600 Milliarden US-Dollar nahezu verdoppeln.
Klimarisiko und Anlagechance
El Niño zeigt, wie ein Klimaphänomen Rohstoffpreise, Nahrungsmittelversorgung und Energiesicherheit beeinflussen kann. Für Anleger ist der zugrunde liegende Trend daher besonders interessant: Weltweit wächst der Bedarf an Technologien, die knappe Ressourcen effizienter nutzen, sowie an Infrastruktur, die extremeren Bedingungen standhält. Die Chancen reichen damit über traditionelle Rohstoffproduzenten hinaus. Sie umfassen auch Unternehmen, die Lösungen für Agrartechnologie, Wassermanagement, Stromnetze, Energiespeicherung und effiziente Kühlung anbieten. El Niño mag daher zwar ein temporäres Ereignis sein. Die damit verbundenen Anlagechancen sind jedoch struktureller Natur.