Die KI-Welle reiten, ohne zu stürzen
Künstliche Intelligenz (KI) gilt zunehmend als prägendes Investmentthema unserer Zeit. Die Dynamik erinnert dabei an die frühen Jahre des Internets: Die technologische Disruption ist unbestritten, doch nicht jede damit verbundene Anlagechance wird sich langfristig auszahlen. Viele Anleger, die seinerzeit eher unreflektiert in das Thema «Internet» investiert hatten, wurden letztlich enttäuscht. Wer hingegen Unternehmen mit nachhaltig tragfähigen Geschäftsmodellen identifizierte und den Mut hatte, auch in turbulenten Zeiten durchzuhalten, konnte mitunter ausserordentliche Erträge einfahren. Damals wie heute stellt sich für Investoren somit nicht die Frage, ob sie an diesem Trend partizipieren sollten, sondern vielmehr wie.
KI-getriebener technologischer Fortschritt ist heutzutage vielerorts sichtbar. In zahlreichen Branchen zeigen sich Produktivitätsgewinne, und die Geschwindigkeit der KI-Adaption nimmt zu. Gleichzeitig steigen die Investitionen immens: Insbesondere die grossen Technologieunternehmen investieren massiv in Rechenleistung, Datenspeicherung und Softwarelösungen. Im Zentrum dieser Entwicklung steht die Infrastruktur-Ebene. Neben Unternehmen, die spezialisierte Chips für KI-Anwendungen entwickeln, profitieren auch Betreiber von Rechenzentren, Energieversorger und stärker spezialisierte Halbleiterhersteller. Der weltweite Wettbewerb um die Einführung von KI führt dazu, dass nahezu alle grossen Unternehmen in entsprechende Kapazitäten investieren. Entsprechend hoch bleibt der Bedarf an Infrastruktur.
Michael Heldmann, Chief Investment Officer, Allianz Global InvestorsEntscheidend ist, ob Unternehmen ihre Marktstellung durch KI stärken können oder ob Technologie die Eintrittsbarrieren senkt und den Wettbewerb verschärft.
Auch ausserhalb der USA nimmt dabei die Dynamik zu. Neben den US-amerikanischen «Magnificient Seven» erhöhen auch chinesische Technologiekonzerne – mitunter «China’s Terrific Ten» genannt – ihre Investitionen deutlich und holen in zentralen Bereichen auf. Die Folge ist ein intensiverer Wettbewerb sowie – für Investoren – eine Ausweitung des globalen Anlageuniversums. Gleichzeitig deutet das anhaltende Wachstum der Cloud-Ausgaben darauf hin, dass sich die Infrastrukturinvestitionen immer noch in einer vergleichsweise frühen Phase befinden.
Deutlich komplexer stellt sich hingegen die Situation auf der Anwendungsebene dar. Unternehmen, die KI einsetzen, um ihr Produkt- oder Dienstleistungsangebot zu verbessern, können zwar grundsätzlich Effizienzgewinnen einfahren. Allerdings ist weniger klar, welche Unternehmen hiervon am meisten profitieren, indem sie Vorteile in nachhaltig höhere Gewinne umsetzen können. In vielen Branchen dürfte KI bestehende Geschäftsmodelle unter Druck setzen oder komplett umkrempeln, etwa wenn Intermediäre durch direkte digitale Schnittstellen ersetzt werden. Auch in wissensintensiven Branchen wie etwa Medien, der Rechtsberatung oder administrativen Dienstleistungen kann KI zu dauerhaften Veränderungen der Geschäftsmodelle führen. Für Anleger bedeutet dies zwar keinesfalls, derartige Bereiche komplett zu meiden. Sie müssen sich aber bewusst machen, dass für manche Unternehmen die Messlatte hoch liegt: Die Firmen müssen über belastbare Pläne verfügen, um sich an die bevorstehenden Veränderungen anzupassen.
Die aktuell anstehende Welle an Mega-Börsengängen grosser KI-Unternehmen verkompliziert die Lage zusätzlich. Durch deren Börsengang könnte sich die Aufmerksamkeit der Marktteilnehmer weg von etablierten Gewinnern zu den neu gelisteten Giganten verlagern. Für Anleger vergrössert sich damit zwar das Investmentuniversum. Angesichts hoher Bewertungen und hochfliegender Erwartungen steigt aber auch die Bedeutung einer differenzierten Titelauswahl. Aus Anlegersicht zentral ist somit letztlich die Frage nach der Nachhaltigkeit von Wettbewerbsvorteilen. Entscheidend ist, ob Unternehmen ihre Marktstellung durch KI stärken können oder ob Technologie die Eintrittsbarrieren senkt und den Wettbewerb verschärft. Auch die häufig angeführte Bedeutung proprietärer Daten sollte kritisch hinterfragt werden, da der technologische Fortschritt den relativen Wert solcher Daten verringern könnte. Vor diesem Hintergrund lassen sich für Anleger drei wesentliche Kriterien für die Bewertung von Investments in KI-Unternehmen ableiten: Erstens deren Fähigkeit, durch KI die eigene Preissetzungsmacht zu erhöhen. Zweitens die Frage, ob Effizienzgewinne tatsächlich bei den Unternehmen ankommen oder eher bei deren Kunden. Und drittens schliesslich, wie nachhaltig bestehende Wettbewerbsvorteile sind.
Zusammenfassend lässt sich somit feststellen: Insgesamt bleibt das Umfeld für KI-Investments positiv, es wird jedoch zunehmend anspruchsvoll. Die Bandbreite möglicher Ergebnisse dürfte sich weiter spreizen, da sich technologische Fortschritte und wirtschaftliche Realität nicht immer deckungsgleich entwickeln. Für Anleger bedeutet dies, dass eine pauschale Allokation nicht ausreicht. Vielmehr kommt es darauf an, Geschäftsmodelle im Detail zu analysieren, Wettbewerbsvorteile kritisch zu prüfen und auch potenzielle Disruptions-Risiken kons