Homo sapiens? An der Börse eher Homo emotionalis!

In der Wissenschaft wird der Mensch als Homo sapiens bezeichnet – als weises, rationales Wesen. In der Realität, auch beim Investieren, handeln wir jedoch oft emotional oder lassen uns von sozialen Einflüssen leiten. Drei Verhaltensphänomene spielen dabei eine zentrale Rolle: Herdenverhalten, Selbstüberschätzung und Wahrnehmungsverzerrungen. Es gilt, diese Mechanismen zu erkennen und systematisch zu vermeiden.

Menschen treffen Entscheidungen auf zweierlei Art: rational und überlegt oder intuitiv und impulsiv. Daniel Kahneman schrieb in seinem Buch «Thinking, Fast and Slow» von zwei Denksystemen, im Alltag spricht man auch gerne vom Engelchen (rational) und Teufelchen (instinktiv), die auf unseren Schultern sitzen. In prähistorischen Zeiten half uns die intuitive Seite, schnell auf Gefahren zu reagieren. Heute beeinflusst dieselbe Impulsivität jedoch auch unsere finanziellen Entscheidungen – oft ohne dass wir es überhaupt merken.

Die Angst, etwas zu verpassen
Herdenverhalten entsteht, wenn Menschen aus Angst, etwas zu verpassen (FOMO – Fear Of Missing Out), mit der Masse mitrennen. Ein historisches Beispiel ist die Tulpenmanie in den Niederlanden im 17. Jahrhundert, als Tulpenzwiebeln absurde Preise erreichten, bevor der Markt zusammenbrach. Spätere Beispiele waren die Börsenblase der 1920er Jahre und der Crash von 1929, die japanische Immobilien- und Aktienblase Ende der 1980er Jahre, die Dotcom-Blase der 1990er Jahre und die jüngsten Hypes um Meme-Aktien und Kryptowährungen. Das Herdenverhalten veranlasst Anleger dazu, in euphorischen Märkten zu überhöhten Preisen zu kaufen und in Krisenzeiten in Panik zu verkaufen. Emotionen wie Gier und Angst sind dabei starke Triebkräfte.

Selbstüberschätzung: die Illusion von Wissen
Der Mensch lernt ständig dazu. Doch in komplexen Märkten kann niemand alles überblicken. Daher überschätzen wir häufig unser eigenes Wissen und unsere Fähigkeiten – ein Phänomen, das als Dunning-Kruger-Effekt bekannt ist. Ein klassisches Beispiel für übermässiges Selbstvertrauen ist Eastman Kodak. Das Unternehmen dominierte jahrzehntelang den Fotomarkt und erfand 1975 sogar die Digitalkamera. Das Management schob die Innovation jedoch beiseite, um sein profitables Filmgeschäft zu schützen. Der Wettbewerb und der technologische Wandel führten schliesslich zum Niedergang von Kodak.

Das Herdenverhalten veranlasst Anleger dazu, in euphorischen Märkten zu überhöhten Preisen zu kaufen und in Krisenzeiten in Panik zu verkaufen. Emotionen wie Gier und Angst sind dabei starke Triebkräfte.

Michael Heldmann, Chief Investment Officer, Allianz Global Investors

Auch Anleger können übermässig selbstbewusst werden. Wenn die Aktienkurse steigen, wird der Erfolg oft den eigenen Fähigkeiten zugeschrieben. In den Jahren 2023 bis 2024 etwa dominierten grosse US-Technologieunternehmen den Aktienmarkt. Der breite Hype um künstliche Intelligenz machte diese Aktien relativ leicht zu identifizieren, aber übermässiges Selbstvertrauen könnte die Anleger für Risiken blind gemacht haben, als die Performance zu divergieren begann. Übermässiges Selbstvertrauen hat eine weitere Dimension: die Bestätigungsverzerrung (Confirmation Bias). Menschen neigen dazu, Informationen zu suchen und zu bevorzugen, die ihre bestehenden Überzeugungen bestätigen. Widersprüchliche Signale hingegen werden ignoriert. In Zeiten von sozialen Medien und personalisierten Newsfeeds wird dieser Effekt noch verstärkt. Anleger sollten daher aktiv nach Informationen suchen, die ihre eigenen Ansichten in Frage stellen könnten – auch wenn sich das manchmal unangenehm anfühlt.

Voreingenommenheit und kognitive Verzerrung
Unser Gehirn vereinfacht Informationen ständig. Das ist effizient, kann aber zu systematischen Fehlern führen. Zwei Beispiele: Erstens, der Home Bias. Anleger neigen dazu, vor allem in ihrem eigenen Land zu investieren. Eine Studie von Barclays aus dem Jahr 2023 etwa zeigte, dass britische Anleger rund 25 Prozent ihres Portfolios in britische Aktien investierten, obwohl Grossbritannien nur etwa 4 Prozent der globalen Marktkapitalisierung ausmacht. Diese Präferenz schränkt die Diversifizierung und damit ein effektives Risikomanagement ein. Zweitens, Ankereffekt. Der Ankereffekt tritt ein, wenn Menschen unbewusst von einem Bezugspunkt beeinflusst werden. An den Finanzmärkten geschieht dies häufig bei runden Zahlen oder Rekordständen. Als der deutsche DAX-Index etwa Anfang 2026 die Marke von 25'000 Punkten überschritt oder Nvidia 2025 eine Marktkapitalisierung von mehr als 4 Billionen US-Dollar erreichte, fanden diese Meilensteine grosse Beachtung. Objektiv betrachtet sind solche runden Zahlen jedoch nicht aussagekräftiger als alle anderen. Ohne Kontext – wie beispielsweise eine Inflationsbereinigung – sagen derartige Rekorde wenig über die tatsächlichen Bewertungen aus.

Den Teufel überlisten: systematisches Investieren
Wie können Anleger diese Verhaltensfallen vermeiden? Eine mögliche Lösung liegt in systematischen Anlagestrategien. Diese basieren auf wissenschaftlichen Untersuchungen und historischen Daten, werden nach strengen Prozessen umgesetzt, messen und steuern konsequent Risiken und sie vermeiden emotionale Reaktionen. Computer kennen weder Angst noch Gier. Aktien werden nur gekauft, wenn sie objektive Kriterien erfüllen, und verkauft, wenn dies nicht mehr der Fall ist. Dies trägt dazu bei, Herdenverhalten, Panikverkäufe und übermässige Konzentration zu reduzieren. Gleichwohl sind auch systematische Strategien kein Allheilmittel. Daten können verzerrt sein und Modelle können Fehler enthalten. Menschliche Aufsicht und Kontrolle bleiben daher unerlässlich. Systematische Prozesse müssen daher sorgfältig konzipiert, überwacht und verfeinert werden. Letztendlich geht es beim Investieren daher nicht um die Wahl zwischen Mensch und Maschine, sondern um eine Kombination aus beidem.

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