Die Reichen verlassen Grossbritannien

Der Wegzug britischer Millionäre aus dem Land steigt sprunghaft an. Die Wahlen vom 4. Juli verstärken nur einen bestehenden Trend.

Die Reichen formen einen Länderindikator der besonderen Art. Sie sind informiert, selbst- und geldbewusst und vor allem mobil. Wenn es ihnen in ihrer Heimat nicht mehr passt, suchen sie sich rasch ein anderes Domizil. Die Aus- und Einwanderungszahlen der Wohlhabenden sagen daher viel aus über den Zustand eines Landes. So gesehen, kommen aus Grossbritannien alarmierende Nachrichten. Unter dem Strich werden dieses Jahr schätzungsweise 9’500 Millionäre dem Land den Rücken kehren – ein dramatischer Anstieg gegenüber den netto 4’200 bzw. 1’600 Betuchten mit einem freien Finanzvermögen von mindestens einer Million Dollar in den beiden Vorjahren. In der Realität dürfte es sich meist um gewichtige Multimillionäre handeln, wie jüngst bei dem Exodus von Norwegern aus ihrer Heimat.

Die Wende kam mit dem Brexit
Mehr High-Net-Worth-Individuals (HNWI) werden 2024 wohl nur China verlassen, nämlich rund 15’200. Dies spiegelt indirekt aber auch die Grösse des Landes wider. Die Schätzungen finden sich im jüngsten Private Wealth Migration Report der auf Reiche spezialisierten Ansiedlungsagentur Henley & Partners. Die stärkste Einwanderung verzeichnen danach die Vereinigten Arabischen Emirate mit der Rekordzahl von 6’700 Personen, diese vermehrt aus Europa, gefolgt von den USA mit geschätzten 3’800 Millionären. Für die Schweiz werden 1’500 Ankömmlinge erwartet.

Die Aus- und Einwanderungszahlen der Wohlhabenden sagen viel aus über den Zustand eines Landes. So gesehen, kommen aus Grossbritannien alarmierende Nachrichten.

Jürgen Dunsch, Wirtschaftsjournalist

Die Flucht betuchter Briten von der Insel hat nur am Rande mit den Wahlen vom 4. Juli zu tun, die der Labour Party einen Erdrutschsieg zu Lasten der regierenden Konservativen verheissen. Der Einschnitt kam vielmehr mit dem Brexit, dem Austritt aus der EU Ende 2020, so der Bericht. Allerdings schoss die Zahl erst 2023 richtig in die Höhe. Die Lebensbedingungen in Grossbritannien haben sich in den vergangenen Jahren markant verschlechtert. Die Regierung sucht verzweifelt nach zusätzlichen Einnahmen. Dies trifft auch die Reichen im Land. Von besonderer Bedeutung ist im kommenden Jahr die weitgehende Abschaffung jener 225 Jahre alten Steuerregel, die ihre im Ausland erzielten Einkünfte verschont, sofern dort der Geburtsort oder Hauptwohnsitz liegt. Aktuell profitieren davon davon ungefähr 37’000 Personen. Jetzt droht weiteres Ungemach. Labour hat schon die Freistellung der Gebühren für Privatschulen von der 20-prozentigen Mehrwertsteuer angekündigt. Das Streichen von Privilegien dürfte damit nicht beendet sein. Dominic Volek, Leiter Privatkunden bei Henley & Partners, glaubt, dass weltweit die Wegzüge von Millionären aus ihren Heimatländern in diesem Jahr von 120’000 auf den neuen Rekordwert von 128’000 steigen werden. Er macht dafür nicht zuletzt einen «perfekten Sturm» gespeist aus geopolitischen Spannungen, wirtschaftlicher Unsicherheit und sozialen Ausbrüchen verantwortlich. Die Reichen stimmten auf diese Weise «mit den Füssen» ab. Gerne gehen sie in die Karibik oder in Länder wie Portugal, Spanien und Griechenland, die gegen entsprechende Investitionen mit Niederlassungsrechten locken. Malta, wo auch Henley & Partners ihren Sitz hat, bietet gegen Geld sogar Staatsbürgerschaften unter südlicher Sonne an, die für die ganze EU Vorteile bieten. Solche Programme sprechen allerdings auch Ausländer mit dubiosen Geldquellen an.

Grossbritannien in den Top 10 der Wegzüge
Grossbritannien ist das einzige westeuropäische Land in den Top 10 der Staaten mit Nettowegzügen von Millionären. Für den Wiener Bevölkerungswissenschaftler Misha Glenny belegen die Auswandererzahlen das Vermögenswachstum in Asien und andererseits einen relativen Abstieg von Europa. Und wo mehr Menschen reich werden, wächst auch der Wunsch nach Wohnsitzen, die Sicherheit, viele Freiheiten und eine gute Schulbildung versprechen. Russland soll dieses Jahr nur eine Abwanderung von rund 1’000 Reichen erleben. Zuvor waren es 2’800 und vor zwei Jahren 8’500 gewesen. Anscheinend sind diejenigen, die sich und ihr Geld nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 in Sicherheit bringen wollten, inzwischen zum grössten Teil gegangen. Geblieben wären nach dieser Lesart in erster Linie systemtreue Oligarchen.

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