Elektrisch, digital, knapp: Warum Kupfer zum strategischen Gut wird
Die Weltwirtschaft tritt in eine neue Phase der Transformation ein, die von raschem technologischem Wandel und geopolitischen Verschiebungen hin zu elektrifizierten, digitalen und datenintensiven Modellen geprägt ist. Der Ausbau von Stromnetzen, elektrischem Verkehr, Rechenzentren und digitalen Netzwerken erfordert hohe Anfangsinvestitionen in physische Infrastruktur, wodurch wirtschaftliches Wachstum zunehmend metallintensiv wird. Dies markiert einen Wandel von einer früheren, brennstoffintensiven hin zu einer stärker materialintensiven Zukunft. Infolgedessen steigt die Nachfrage nach Industriemetallen strukturell an, wird weniger zyklisch und ist enger an langfristige Investitionstrends gekoppelt.
Im Zentrum dieser Transformation steht Kupfer, dessen Einsatz aufgrund seiner unübertroffenen Fähigkeit, Elektrizität zu leiten und Wärme abzuleiten, überproportional zunimmt. Rund 75% der weltweiten Kupfernachfrage stammen bereits aus elektrischen Anwendungen, darunter Stromnetze, Verkabelung, Elektronik und industrielle Ausrüstung. Die globale Kupfernachfrage wird für 2026 auf 27,3 Millionen Tonnen geschätzt und soll bis 2031 auf 33,3 Millionen Tonnen steigen, was einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate (CAGR) von 4,0% entspricht. Ein Grossteil dieses Wachstums ist auf Elektrifizierung und digitale Infrastruktur zurückzuführen. Elektrofahrzeuge benötigen nahezu dreimal so viel Kupfer wie Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren, Projekte im Bereich erneuerbarer Energien sind deutlich kupferintensiver als konventionelle Stromerzeugung, und die Modernisierung der Stromnetze beschleunigt sich. Rechenzentrum, die das Rückgrat von Cloud-Computing und künstlicher Intelligenz bilden, sind besonders kupferintensiv, da sie umfangreiche Stromversorgungssysteme, Kühlinfrastruktur und Netzanschlüsse erfordern. Allein die Kupfernachfrage aus Rechenzentren soll von rund 1,1 Millionen Tonnen im Jahr 2025 auf etwa 2,5 Millionen Tonnen bis 2040 steigen, ein Zuwachs von rund 127%.
Arthur Jurus, Chief Investment Officer, ODDO BHFAllein die Kupfernachfrage aus Rechenzentren soll von rund 1,1 Millionen Tonnen im Jahr 2025 auf etwa 2,5 Millionen Tonnen bis 2040 steigen, ein Zuwachs von rund 127%.
Dieser Nachfrageschub trifft auf tief verwurzelte Angebotsbeschränkungen. Die Internationale Energieagentur (IEA) geht davon aus, dass der Kupfermarkt bis 2035 ein Angebotsdefizit von 30% aufweisen könnte. Eine solche Lücke zu schliessen, stellt eine enorme Herausforderung dar. Die globale Kupferproduktionsbasis altert, und viele der grössten Minen produzieren bereits deutlich unter ihrem Peak‑Niveau. Die Entwicklung neuer Kupferminen bietet kurzfristig kaum Entlastung. Grosse Projekte benötigen typischerweise rund 17 Jahre von der Entdeckung bis zur ersten Produktion, bedingt durch regulatorische, ökologische, politische und finanzielle Hürden. Die durchschnittliche Kapitalintensität für die Erweiterung bestehender Projekte (Brownfield-Entwicklungen) ist seit 2020 um 65% gestiegen. Diese Herausforderungen werden durch einen stark rückläufigen Trend bei neuen Ressourcenneuentdeckungen verschärft. Von allen Kupfervorkommen, die in den vergangenen 35 Jahren entdeckt wurden, entfallen nur 5% auf das letzte Jahrzehnt. Zusammengenommen deuten diese Faktoren auf einen zunehmend angespannten Markt für Kupferkonzentrat hin. Sie erhöhen die Versorgungssicherheitsrisiken und machen Massnahmen auf Angebots- und Nachfrageseite erforderlich.
Recycling wird zwar eine zunehmend wichtige Rolle spielen, kann die Lücke jedoch nicht vollständig schliessen. Bis 2040 dürfte das Aufkommen ausgedienter Kupferabfälle auf über 15 Millionen Tonnen anwachsen. Höhere Recyclingquoten könnten rund 6 Millionen Tonnen zum Angebot beitragen. Dennoch dürfte recyceltes Material bis 2040 höchstens 30% des Gesamtangebots ausmachen, sodass die Primärproduktion entscheidend bleibt. Darüber hinaus sind die Schmelz- und Raffineriekapazitäten stark in China konzentriert, das einen erheblichen Anteil der globalen Verarbeitung kontrolliert. Diese Konzentration erhöht systemische und geopolitische Risiken. Schliesslich ist die Substituierbarkeit von Kupfer aufgrund technischer und Effizienzbeschränkungen stark eingeschränkt. Aluminium wird zwar häufig als potenzielle Alternative genannt, weist jedoch nur etwa 60% der elektrischen Leitfähigkeit von Kupfer auf und ist daher für Hochleistungsanwendungen weniger geeignet. Das Ergebnis ist ein Markt, der zunehmend durch Ungleichgewichte geprägt ist. Analysten schätzen, dass ohne einen grundlegenden Investitionsschub die globale Kupfernachfrage bis 2040 um rund 50% steigen könnte, während das Angebotswachstum deutlich hinterherhinkt. Die Lagerbestände an wichtigen Lagerplätzen sind bereits knapp, was die Preissensitivität zusätzlich verstärkt. Anhaltende Knappheit stützt höhere langfristige Preise und führt zu Margendruck in kupferintensiven nachgelagerten Industrien.
Stand Mitte April 2026 bewegen sich die Kupferpreise an der London Metal Exchange (LME) in einer Spanne von 13'000 bis 13’250 US-Dollar pro Tonne. Zu Beginn des Jahres waren die Preise aufgrund von Lieferunterbrechungen auf Rekordhöhen gestiegen, wobei die Spotpreise kurzfristig über 14’500 US-Dollar pro Tonne lagen. Zwar haben sich die Preise leicht von ihren Höchstständen entfernt, liegen jedoch weiterhin über ihrem historischen Durchschnitt und erreichten im März im Schnitt 12’500 bis 12’900 US-Dollar pro Tonne. Das aktuelle Preisumfeld deckt sich mit zunehmend optimistischen mittel- und langfristigen Erwartungen. Grosse Finanzinstitute haben erhöhte Preisziele bis 2026 und darüber hinaus festgelegt. Mehrere Banken erwarten Kupferpreise im Bereich von 13'000 bis 15’000 US-Dollar pro Tonne. Diese Erwartungen deuten darauf hin, dass Kupfer in eine Phase mit einem höheren strukturellen Preisboden, wiederkehrenden Aufwärtsrisiken und einer strategischen Prämie eintritt, die eng mit seiner Rolle in der elektrifizierten und digitalen Wirtschaft verknüpft ist. Während die Elektrifizierung voranschreitet und künstliche Intelligenz die Wirtschaft neu gestaltet, rückt Kupfer in den Mittelpunkt dieses wirtschaftlichen Wandels. Seine Rolle ist fundamental, seine Ersatzstoffe sind begrenzt, und sein Angebot ist zunehmend angespannt.