Ferien neu denken: Warum Overtourism zum Reiseplaner wird
Unter dem Druck von Overtourism sollte die schönste Zeit des Jahres noch besser als bisher geplant werden.
Hitzewellen hin oder her, mit Temperaturrekorden oder ohne, die Sommerferien bleiben für die meisten die schönste Zeit des Jahres. Sie werden breit genutzt: mit Faulenzen am Strand, Velo- und Wandertouren in den Bergen, Rundfahrten durch interessante Landstriche und der einen oder anderen Stadtbesichtigung. Die Schweiz ist dabei recht komfortabel platziert. Sie bietet Berge und Seen, vielfältige Regionen und lohnende Städte. An der Börse hat die Aktie der Jungfraubahn in einem Jahr 31 Prozent und damit mehr als der SPI gewonnen, die Titlisbahnen schafften rund 17 Prozent. Nur das Meer fehlt dem Land.
Jürgen Dunsch, Wirtschaftsjournalist FAZ et al.Das Vorausbuchen berühmter Sehenswürdigkeiten ist vielerorts inzwischen gang und gäbe.
Allein im Ausland gaben die Schweizer 2025 gut 19 Milliarden Franken aus. Indes trübt der Overtourismus die heile Welt und vergällt so manche Tour. Das Vorausbuchen berühmter Sehenswürdigkeiten ist vielerorts inzwischen gang und gäbe, das Anstehen in Restaurants für Reisende ein schwacher Ausklang des Tages. Was tun? Es empfiehlt sich, den Tourismus für sich selbst neu zu denken.
Touristenziele abseits der ausgetretenen Pfade
Vielleicht so. Natürlich sind Selfies vor berühmten Sehenswürdigkeiten eine Versuchung. Aber der Massenandrang lädt zu keinem längeren Verweilen ein, und bei den meisten Empfängern der Bilder ist der Gähnfaktor garantiert. Sie kennen die Stars im Tourismus zur Genüge. Warum unter diesen Umständen nicht eine Entdeckertour in der zweiten Reihe, also Parma statt Pisa und Nürnberg statt München? Die «Financial Times» veröffentlichte im November vergangenen Jahres eine Liste solch alternativer Ziele und hat damit einen Nerv getroffen. Die bekanntesten sind so unterschiedliche Städte wie Regensburg, Jerez de la Frontera, Brescia und Thessaloniki. Die Vorgehensweise lässt sich mit Einschränkungen auch auf Strandurlaube übertragen.
Jürgen DunschMeist wird in der Planung vergessen, dass eine eiserne Reserve der Realität Rechnung trägt und gleichzeitig für Entspannung sorgt.
Die grundsätzliche Auswahl der Urlaubsziele kann gleichfalls neu gedacht werden. Im Grossen geschieht dies schon mit der klimabedingten Popularität von Destinationen in Nordeuropa und der Verlagerung der Ferien vom Sommer und Frühherbst auf Oktober und November. In der Regel steht am Anfang aller Planung das Wunschziel. Eine sinnvolle Alternative wäre allerdings die Reisezeit. Abhängig davon könnte der Reisehungrige mehrere ganz unterschiedliche Orte ins Auge fassen. «Wohin ich alles schon immer wollte» stünde dann am Beginn. Abhängig davon wäre zu prüfen, welches Ziel die Erwartungen zum geplanten Zeitpunkt am besten erfüllt. Die Unterkunft sticht dabei hervor. Daneben stünden die Themen touristische Infrastruktur, Verkehrsverbindungen, lokales Klima und Ausgehmöglichkeiten auf der Agenda.
Eine Reserve für das Shopping
Ein dritter Punkt betrifft die Finanzen. Meist wird in der Planung vergessen, dass eine eiserne Reserve der Realität Rechnung trägt und gleichzeitig für Entspannung sorgt. Mit ihr lassen sich unvorhergesehene Ausgaben bestreiten, ohne dass das gesamte Budget über Gebühr ausdünnt. Natürlich sollte der Notgroschen nicht leichtfertig angetastet werden. Andererseits wird der Urlaub erst dann richtig schön, wenn man sich ausser der Reihe etwas gönnen kann. Konkret wird dies meist beim Shopping. Leicht wird verkannt, wie beliebt das entspannte Bummeln in bunten Fussgängerzonen mit Einkaufen im Urlaub ist. Wenn dort ein besonderer Hosenanzug oder ein neu entdeckter Wein aus der Region ins Auge springen, sollte dem «Wünsch Dir was» im Einzelfall auch nachgegeben werden können. So erhalten die Ferienfreuden einen zusätzlichen Kick.