Aktien-Ausblick: Chancen auch ausserhalb der USA
Sinkende Zinssätze, starkes Gewinnwachstum und umfassende Innovationen: US-Aktien haben die weltweiten Aktienmärkte in den letzten zehn Jahren dominiert. Mit Blick auf die Zukunft könnten jedoch Europa und die Schwellenländer wieder stärkere Opportunitäten bieten. Die Gründe dafür liegen in einem stärker diversifizierten Aktienmarkt sowie in mehreren Branchen, die aufgrund der neuen Realität ein Gewinnwachstum verzeichnen könnten.
Die US-Aktienmärkte sind mit einer Rallye in das Jahr 2025 gestartet. Sie profitieren weiterhin von dem Schwung nach den US-Wahlen sowie einem Umfeld, das von breitem Wachstum geprägt ist. Die Pläne der neuen Administration in den USA könnten jedoch nicht nur für Rücken-, sondern auch für einiges an Gegenwind sorgen. Auf der Habenseite stehen Vorschläge für Steuersenkungen, höhere Verteidigungsausgaben und Deregulierung in einer Reihe von Unternehmenssektoren, darunter Banken, Energie, Luft- und Raumfahrt sowie Gesundheitsunternehmen. Andere Massnahmen stellen für bestimmte Branchen eine Herausforderung dar. Die geplanten Zölle könnten langwierige Handelskonflikte mit wichtigen Handelspartnern auslösen und möglicherweise die Inflation wieder anheizen.
Europäische Opportunitäten trotz schwachem Wachstum
Auch deshalb lohnt sich ein Blick auf den europäischen Kontinent. Zwar leided die Region unter dem Krieg in der Ukraine, den hohen Energiepreisen und der engen Bindung an Chinas schleppende Wirtschaft, doch die europäischen Unternehmen sind nicht gänzlich von der Gesundheit der heimischen Wirtschaft abhängig. Viele europäische Unternehmen haben globale Ertragsströme, die von einem starken säkularen Rückenwind profitieren.
Christophe Braun, Equity Investment Director, Capital GroupIn Europa finden sich einige grosse Industrieunternehmen, die in Bereichen Fuss fassen, die für ein langfristiges globales Wachstum reif sind.
Globale Trends haben den Grundstein für einen Investitionssuperzyklus gelegt, der Chancen für wendige europäische Industrieunternehmen eröffne. So liegt beispielsweise der Flugverkehr heute über dem Niveau von vor der Corona-Pandemie, was die Nachfrage nach neuen Verkehrsflugzeugen antreibt. Airbus, einer von nur zwei grossen Flugzeugherstellern weltweit, hat einen Auftragsbestand, der sich über ein Jahrzehnt erstreckt. Und im Bauwesen zeigt sich eine wachsende Vorliebe für langlebige Materialien, welche die Energieeffizienz steigern und die Kosten senken. Diese Trends stellen Investitionsmöglichkeiten dar, die sich über mehrere Jahrzehnte erstrecken, und wir befinden uns erst am Anfang. In Europa finden sich überdies einige grosse Industrieunternehmen, die in Bereichen Fuss fassen, die für ein langfristiges globales Wachstum reif sind.
Schwellenländer profitieren von Diversifizierung
Das Wirtschaftswachstum in China ist weiterhin ausgesprochen schwach, die Wachstumsraten in anderen asiatischen Ländern sieht allerdings viel gesünder aus. Dies könnte am «China-plus-One-Effekt» liegen, bei dem Unternehmen ihre Abhängigkeit von Lieferketten aus einer Hand verringert und ihre Produktionsstätten von China weg diversifiziert haben. Dieser Trend könne einen neuen Schub bekommen, je nachdem, wie sich die Zölle unter der Trump-Regierung entwickeln. Während sich die ersten Diskussionen über die drohenden Zölle auf die negativen Auswirkungen konzentrieren, könnten die ASEAN-Staaten zu den möglichen Nutzniessern gehören. Mehrere dieser südasiatischen Länder haben während und seit der ersten Trump-Regierung positive Auswirkungen des «Handelskriegs 1.0». Nach unseren Berechnungen ist der Anteil der ASEAN-Staaten an den US-Exporten seit 2018 um vier Prozent gestiegen, während der Anteil Chinas um fünf Prozent gesunken ist. Derzeit können die asiatischen Länder aufgrund der vergleichsweise niedrigeren US-Zollsätze einen grösseren Kostenvorteil gegenüber China verbuchen: bis zu 60 Prozent für China gegenüber 10 bis 20 Prozent für die ASEAN-Länder, wobei diese Zahlen noch bestätigt werden müssten. In der Zwischenzeit gibt es nur wenige Alternativen für die Produktion ausserhalb der ASEAN-Länder und Chinas. Der Anteil Chinas an den US-Importen von Produkten wie Telefonen und Kleidung liegt immer noch bei über 25 Prozent, was bedeute, dass die ASEAN-Länder selbst dann noch über Wachstumspotenzial verfügen, wenn die USA eine härtere Gangart gegenüber China einlegen.
Mexiko und Indien noch hinten dran
Zwar haben auch Mexiko und Indien Anteile an den US-Ausfuhren übernommen, doch sind die Fortschritte im Vergleich zu den ASEAN-Ländern aufgrund von Standort- und kulturellen Nachteilen langsamer. Es ist jedoch zu erwarten, dass ein «China plus One 2.0» langsamer und mit milderen Auswirkungen als in der Anfangsphase verlaufen wird. In den letzten Jahren hat sich das US-Handelsdefizit mit den ASEAN-Staaten erheblich vergrössert: Im schlimmsten Fall kann dies bedeuten, dass diese Länder mit höheren Zöllen belegt werden, im besten Fall, dass es zu langwierigen Handelsverhandlungen mit anhaltender Unsicherheit kommt.