Diversifikation von Lieferketten: Wer profitiert davon?

Während der Corona-Krise sind wichtige Teile der globalen Lieferketten zusammengebrochen. Das führte zu Engpässen in allen Bereichen, von medizinischem Bedarf und Ausrüstung bis hin zu Möbeln und Autoteilen. Auch die Spannungen zwischen den USA und China sowie die Invasion Russlands in die Ukraine machen deutlich, wie riskant es ist, sich bei kritischen Versorgungsgütern wie Energie, Lebensmittel und Computerchips auf nur einen Lieferanten zu verlassen.

Viele Unternehmen haben aus den gemachten Fehlern und wollen ihre Lieferketten jetzt wieder stärker diversifizieren. So werden manche ihre Fertigung wieder in das Inland oder in andere Länder verlagern. China kann als grösste Fertigungsbasis der Welt zwar kaum verdrängt werden, viele Unternehmen werden sich jetzt aber nach neuen zusätzlichen Standorten umsehen. Aus meiner Sicht gibt es vier Bereiche, die in den kommenden Jahren von dieser Diversifikation der Lieferketten profitieren könnten:

Profiteur Nr. 1: Indien
Indien sehe ich aufgrund seiner Nähe zu China, den gut ausgebildeten Arbeitskräften und einer schnell wachsenden, unternehmensfreundlichen Wirtschaft am besten positioniert dafür, um von einer Diversifikation der Lieferketten zu profitieren. Die indische Regierung hat mutige Schritte unternommen, um den Ausbau der Produktionsstätten zu fördern, insbesondere im Smartphone-Bereich, wo beispielsweise Apple mit Auftragnehmern wie Foxconn zusammenarbeitet, um die neuesten iPhones zu bauen. Ich erwarte, dass sich der Fertigungssektor im nächsten Jahrzehnt beschleunigen wird, was das Wachstum der indischen Wirtschaft antreiben und andere Branchen wie Banken, Energie und Telekommunikation ankurbeln dürfte.

Indien dürfte heute besser positioniert sein als China vor 20 Jahren.

Christophe Braun, Equity Investment Director, Capital Group

Profiteur Nr. 2: Mexiko
Ähnlich wie Indien ist auch Mexiko aufgrund seiner Nähe zu einer der grössten Volkswirtschaften der Welt ein attraktiver Standort für die Erweiterung von Produktion und Logistik. Viele US-Unternehmen sind in den 1990er-Jahren nach der Verabschiedung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) in das Land geströmt. Im Zuge des 2020 von den USA, Kanada und Mexiko ratifizierten Nachfolgeabkommens USMCA hat sich dieser Prozess weiter beschleunigt. Die jährlichen Exporte Mexikos in die USA sind in den letzten Jahren stark gestiegen. Obwohl ein Grossteil davon auf den Einfluss von US-Unternehmen zurückzuführen ist, stockt auch China seine Präsenz in Mexiko auf. So baut beispielsweise die Hisense Group, einer der grössten chinesischen Gerätehersteller, derzeit in Monterrey einen 260 Millionen US-Dollar schweren Industriepark, in dem Kühlschränke, Waschmaschinen und Klimaanlagen für den US-Markt hergestellt werden sollen. Im Automobilsektor haben BMW und Nissan in letzter Zeit ebenfalls ihre Kapazitäten südlich der US-Grenze erweitert.

Profiteur Nr. 3: Automatisierungsanbieter
Ich bin überzeugt davon, dass eine der grössten Hürden bei der Diversifikation der weltweiten Fertigungskapazitäten ein chronischer Arbeitskräftemangel, insbesondere in den Industrieländern, ist. Die auf künstlicher Intelligenz basierende Automatisierung dürfte aber eine Antwort auf dieses Problem geben. Viele asiatische Länder werden mit ihrem hohen Mass an industrieller Automatisierung hier den Trend vorgeben, und die USA und Europa dürften voraussichtlich folgen. Beide Regionen haben Raum für Wachstum, was Top-Unternehmen in der globalen Roboterindustrie positive Aussichten beschert, darunter Keyence in Japan, Schneider Electric in Frankreich und ABB Ltd. in der Schweiz.

Wenn wir eines aus der Corona-Krise gelernt haben, dann das: Unternehmen müssen über vielfältige Lieferketten verfügen. Das ist noch nicht der Fall, aber der Prozess ist in vollem Gange.

Christophe Braun

Darüber hinaus entwickelt Amazon seine eigene beeindruckende KI-Technologie. Das Unternehmen verfügt über ein neues robotergestütztes Kommissionier- und Verpackungsgerät namens «Sparrow», welches mehr als 60 Millionen verschiedene Produkte aufnehmen und in Versandkartons verpacken kann. So wird jede Kommissionierung innerhalb weniger Sekunden erledigt. Vor nur sieben Jahren haben die experimentellen Roboter von Amazon nur eine kleine Anzahl von Artikeln handhaben können, und jede Entnahme hat ein paar Minuten gedauert. Ich glaube, diese Technologie kommt schneller voran als viele denken, und ihr Wert spiegelt sich noch nicht in den Aktienkursen der grossen amerikanischen und europäischen Unternehmen.

Profiteur Nr. 4: Multinationale Konzern
Obwohl es eher widersprüchlich erscheint, sind die multinationalen Unternehmen, die in der Vergangenheit am meisten vom rasanten Tempo der Globalisierung profitiert haben, möglicherweise am besten für eine Zeit der Re-Globalisierung gewappnet. Die grössten und marktbeherrschenden Unternehmen der Welt haben diese Position aus einem bestimmten Grund erreicht: Sie verfügen oft über die Erfahrung und die Ressourcen, um sich besser an sich wandelnde Handelsmuster anpassen zu können als kleinere Unternehmen, die nur in einzelnen Märkten tätig sind. Gut geführte, multinationale Unternehmen werden ihre internationalen Produktionsstätten und ihre internationale Kundenbasis beibehalten, sie werden jedoch zunehmend lokale Redundanzen in ihren operativen Betrieb integrieren. Ich nenne das «Multi-Lokalisierung». Dazu gehört, dass einige Teile der Lieferkette wieder zurück in die USA verlagert, andere Teile weiterhin ausgelagert und neue Produktionsstätten in Schlüsselbereichen auf der ganzen Welt errichtet werden.

Hauptbildnachweis: Pixabay