Die stille Abwanderung des Schweizer M&A nach Nordamerika

Vor dem Hintergrund der anhaltend unsicheren Wirtschaftslage und der erratischen US-Handelspolitik fokussieren sich Schweizer Unternehmen stärker auf das Kerngeschäft und richten ihre Expansionsstrategie zunehmend auf Nordamerika aus.

Ein stabiles Marktumfeld und Zuversicht in die Konjunkturentwicklung sind wichtige Voraussetzungen für florierende Unternehmenszusammenschlüsse und -übernahmen (M&A). Doch aktuell prägen weltweite geopolitische Spannungen, eine erratische US-Handelspolitik und die Neuordnung strategischer Lieferketten den Planungshorizont vieler Unternehmen. 2026 dürfte erneut ein Jahr erhöhter Unsicherheit sein. Wenig überraschend erwarten gemäss dem Oaklins M&A Outlook nur 6 Prozent der Befragten in den kommenden zwölf Monaten eine gute oder eher gute konjunkturelle Entwicklung. Im Januar 2025 waren es noch 26 Prozent.

Der Krieg in der Ukraine, die Spannungen im Nahen Osten, die Neuordnung strategischer Lieferketten sowie die wechselhafte Handelspolitik der USA prägen den Planungshorizont vieler Unternehmen.

Jürg Stucker, Studienautor, Oaklins Switzerland

Die Aussichten im Finanzierungsumfeld verweilen deshalb auf tiefem Niveau. 37 Prozent der Umfrageteilnehmenden beurteilen die Verfügbarkeit von Fremdkapital als hoch oder eher hoch und 45 Prozent schätzen die Verfügbarkeit von Cash als hoch oder eher hoch ein. Beide Werte liegen damit weiterhin deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt. Gleichzeitig erwarten 54 Prozent der Befragten sinkende Multiples, was gegenüber Mitte 2025 einem leichten Rückgang entspricht. Ebenfalls etwas unterdurchschnittlich ist der Fokus auf M&A: Nur noch 54 Prozent der befragten Unternehmen planen, in den nächsten zwölf Monaten eine Akquisition zu tätigen. Entsprechend ist der Oaklins M&A-Index seit Mitte 2025 weiter zurückgegangen und steht so tief wie zuletzt vor fünf Jahren.

Fokussierung auf M&A nimmt wegen unsicherer Wirtschaftslage ab

Der Index zeigt die prognostizierte Entwicklung der M&A-Aktivität in den kommenden sechs bis zwölf Monaten mit Beteiligung von Schweizer Unternehmen (Umfrageergebnisse in Punkten). Quelle: Oaklins M&A Outlook

Zollpolitik führt zu Verlagerung nach Nordamerika
Insgesamt zeichnet sich im kommenden Jahr keine grosse Transaktionswelle mit Schweizer Beteiligung ab. Gerade einmal 26 Prozent der befragten Unternehmen erwartet für das kommende Jahr eine hohe oder eher hohe M&A-Aktivität, was einem der tiefsten Werte der vergangenen zehn Jahre entspricht. Während die allgemeine Stimmung gedämpft bleibt, ist besonders in den Sektoren Medien und Telekommunikation (TMT) sowie Life Sciences mit einer erhöhten Dynamik zu rechnen – angetrieben von der technologischen Transformation durch KI, Automatisierung und Digitalisierung.or dem Hintergrund der erratischen US-Handelspolitik verliert die Schweiz als Zielmarkt zugunsten von Nordamerika an Bedeutung: Während Mitte 2025 noch 33 Prozent der akquisitionswilligen Unternehmen Übernahmen in der Schweiz planten, sind es Ende des Jahres nur noch 22 Prozent. Gleichzeitig stieg die Zahl der Befragten, die eine Akquisition in Nordamerika planen, von 19 auf 27 Prozent. Europa bleibt indes weiterhin der wichtigste Zielmarkt für Schweizer Unternehmen.

Die anhaltende wirtschaftliche und politische Unsicherheit führt dazu, dass sich viele Unternehmen auf ihr Kerngeschäft fokussieren. Dies hat zur Folge, dass 37 Prozent der Umfrageteilnehmenden den Verkauf von Unternehmensteilen für denkbar halten, was gegenüber dem Vorjahr (24 Prozent) und Mitte 2025 (21 Prozent) einem signifikanten Anstieg entspricht und einen historischen Höchstwert darstellt. «Das geopolitische Umfeld bleibt fragil: Der Krieg in der Ukraine, die Spannungen im Nahen Osten, die Neuordnung strategischer Lieferketten sowie die wechselhafte Handelspolitik der USA prägen den Planungshorizont vieler Unternehmen. Vor diesem Hintergrund zeigt sich der Schweizer M&A-Markt zweigeteilt: Während die allgemeine Stimmung gedämpft bleibt, erkennen wir in klar umrissenen Segmenten weiterhin robuste Aktivität. Die Märkte öffnen sich selektiv, Chancen bleiben, doch sie erfordern mehr Vorbereitung, Fokussierung der Strategie und klare Priorisierung», resümiert Jürg Stucker, Studienautor und Partner bei Oaklins Switzerland.

Die detaillierte Oaklins-Studie unter dem Titel «Geopolitik trifft Dealflow – M&A zwischen Druck und Dynamik» findet sich hier.

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