Das Risiko steigt, doch der Fixed-Income-Sektor birgt noch hohe Renditen
Das Jahr begann mit grossen Erwartungen der Anleger und Bewertungen auf neuen Höchstständen. Es scheint, als fühlten sich die Marktteilnehmer ins Frühjahr 2009 zurückversetzt und begrüssten den Beginn eines massiven neuen Kreditzyklus, der sämtliche Anlageklassen in den nächsten Jahren beflügeln wird.
Das Blue-Sky-Szenario einer starken US-Erholung, gestützt durch eine massive «blaue Welle» erhöhter Fiskalausgaben, eines Umfelds der Reflation ohne Inflation und einer Rückkehr zu den Gewinnmargen der Unternehmen auf das Vorkrisenniveau ist fast durchgehend eingepreist. Daher könnte die erste Jahreshälfte einige Enttäuschungen bereithalten, und die Anleger sollten sich auf Marktschwankungen im Zuge folgender Szenarien einstellen:
- Falls die Einführung der Covid-19-Impfstoffe zu langsam vonstattengeht, oder die Vakzine sich als unwirksam gegen Mutationen des Virus erweisen, könnte sich die globale Immunisierung gegen das Virus verzögern. Der momentan auf breiter Front stattfindende Kursanstieg basiert auf der Annahme, dass das Schlimmste im Frühsommer überstanden ist. Dies ist das wahrscheinlichste Szenario, das jedoch keineswegs garantiert ist.
- Ein weiteres Szenario, das von einem Grossteil der Anleger vernachlässigt wird, ist ein weiterer Wirtschaftsabschwung in China. Zu Monatsbeginn wurden in Zuge neuer Virusausbrüche elf Provinzen, d. h. rund 20 Millionen Menschen erneut in den Lockdown geschickt. Sollte China eine konjunkturelle Abschwächung erleben, träfe dies die Weltwirtschaft hart, da das Land seit dem letzten Sommer als globaler Wachstumsmotor fungiert.
Ludovic Colin, Head of Global Flexible Investments, Vontobel Asset ManagementAngesichts der zu erwartenden Kursvolatilität sollten Anleger auf Titel setzen, die noch nicht das Blaue vom Himmel der Blue-Sky-Szenarios einpreisen – oder eine Nominalrendite aufweisen, die hoch genug ist, um Enttäuschungen auszugleichen.
- Es ist möglich, dass COVID-19 der Realwirtschaft einen umfassenden Schaden zugefügt hat, dessen Ausmass wir derzeit noch nicht abschätzen können. Zwar sind bereits enorme Beträge in die Wirtschaft geflossen – und weitere Gelder werden folgen –, doch es bleibt unklar, welche Unternehmen die stürmische Rezession überleben und wie viele Arbeitnehmer bis Juni dieses Jahres ihren Job verlieren werden. Die laufende Berichtssaison, die in den USA mit einigen grossen Namen ihren Anfang genommen hat, dürfte gewisse Antworten auf diese Fragen liefern.
- Erhebliche Unsicherheit herrscht über die Finanzpolitik der neuen US-Regierung. Viele Beobachter sind der Auffassung, dass die Verabschiedung des neuen Konjunkturpakets in Höhe von 2 Billionen US-Dollar reine Formsache ist. Dabei vernachlässigen sie jedoch die Tatsache, dass die Demokraten im Repräsentantenhaus und im Senat keine starke Mehrheit besitzen. Zudem besteht das Risiko, dass einige konservativere Demokraten ein umfangreiches neues Programm nicht unterstützen werden. Vermutlich wird man sich nach längeren Verhandlungen auf einen Betrag weiter unterhalb von 2 Billionen einigen. Ausserdem ist es durchaus möglich, dass die Republikaner bei den Zwischenwahlen im Jahr 2022 sowohl das Repräsentantenhaus als auch den Senat zurückerobern. Eine schwächelnde Wirtschaft würde ihnen bei diesem Ziel zugutekommen, weshalb sie wenig Interesse an einer Unterstützung des Vorschlags der Demokraten haben.
- Die Inflation dürfte in diesem Jahr bei rund 2,5% liegen. Der Wert ergibt sich aus den statistischen Effekten von März und Juni und wird daher nur vorübergehend auf diesem Niveau bleiben. Die US-Notenbank Fed muss Ruhe bewahren. Falls nicht, könnte sich das «Taper Tantrum» von 2013 wiederholen, was schlechte Nachrichten für Investment-Grade- und High-Yield-Anleihen bedeuten würde.
Sollten mehrere der oben genannten Szenarien eintreten und die derzeitige Marktrally zunichtemachen, dürften die Fed sowie andere wichtige Zentralbanken ihre quantitativen Lockerungsmassnahmen wieder verstärken und damit die Anleiherenditen belasten. Rohstoffe, High-Yield-Anleihen aus den USA und eine Reihe von Staatsanleihen aus den Emerging Markets wären die Leidtragenden. Die Aktienmärkte würden unter Druck geraten, und die Kreditmärkte würden eine höhere Ausfallquote einpreisen.
Anderseits dürfte sich bei einem Ausbleiben der oben genannten Szenarien die Aktienrally fortsetzen. Die Folge wären massive Zuflüsse in die Realwirtschaft, wobei die Bereiche Einzelhandel, Freizeit, Tourismus und zyklische Konsumgüter zu den Hauptprofiteuren zählen würden. Infolgedessen könnten die Finanzströme in die Sektoren der New Economy geringfügig abnehmen. Im Fixed-Income-Bereich werden sich die Spreads von Emerging-Markets- und High-Yield-Anleihen sowie Investment-Grade-Unternehmensanleihen, insbesondere in den Sektoren Energie und Realwirtschaft, weiter verringern.
Gute Renditen von hoher Qualität bieten Schutz vor Volatilität
Angesichts der zu erwartenden Kursvolatilität sollten Anleger auf Titel setzen, die noch nicht «das Blaue vom Himmel» der Blue-Sky-Szenarios einpreisen – oder eine Nominalrendite aufweisen, die hoch genug ist, um Enttäuschungen auszugleichen. Wertpapiere mit hoher Rendite sind weniger anfällig gegenüber der Duration, und ihre Erträge können die Volatilität abfedern. Infrage kommen qualitativ hochwertige Titel aus dem Finanzbereich, bestimmte Staats- und Unternehmensanleihen aus Emerging Markets und einige High-Yield-Titel.
In den Emerging Markets bieten Unternehmensanleihen derzeit hohe Renditen bei steigenden Margen und einem sinkenden Verschuldungsgrad, während EM-Staatsanleihen zunehmend überlaufen sind und ihr Renditepotenzial sinkt. Europäische Finanz- und Versicherungsunternehmen sind aufgrund ihrer soliden Fundamentaldaten attraktiv, und die Europäische Zentralbank wird dafür sorgen, dass sie weiterhin angemessen finanziert sind. Der Energiesektor dürfte sich in diesem Jahr günstig entwickeln, solange die Dynamik in China anhält und die zyklischen Konsumwerte aus Bewertungssicht attraktiv sind. Insgesamt werden ein aktives Durationsmanagement mit der Option, auf eine kürzere Duration umzustellen, sowie ein solider Portfolioaufbau entscheidend für den Erfolg in den kommenden Monaten sein.