Es bricht eine neue Ära des Pragmatismus an, in der Nachhaltigkeit als Resilienz-Strategie wahrgenommen wird. Dies basiert auf dem wachsenden Bewusstsein für die Kosten einer Fehleinschätzung von Umwelt-, Sozial- und Governance-Faktoren. Diese Entwicklung dürfte sich 2026 beschleunigen, insbesondere in den folgenden, miteinander verbundenen Themenbereichen.
1. Souveränität – Mobilisierung von Investitionen
Beim Thema Souveränität kann das Jahr 2026 den Übergang von der Konzeptphase zur Umsetzung in Anlegerportfolios markieren. Zunächst hauptsächlich mit Verteidigung assoziiert, umfasst Souveränität heute mehr – nämlich die Fähigkeit Europas, in strategisch kritischen Bereichen autonom zu handeln: Verteidigung, Energie, Ernährung, Klimaresilienz, Wasser, Gesundheit, Technologie und das Finanzökosystem. Initiativen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit, zukunftsorientierte Regulierung und Massnahmen der Europäischen Kommission zur Mobilisierung von Investitionen ermöglichen einen effizienten Kapitaleinsatz, um die Autonomie innerhalb der Union und ihrer Wertschöpfungskette zu stärken.
Nachhaltigkeit ist 2026 keine Überzeugung mehr, sondern eine Absicherung gegen Fehlentscheide.
Matt Christensen, Head Sustainable & Impact Investment, Allianz Global Investors
2. Übergangsfinanzierung – Bessere Definitionen, mehr Kapital
Der Begriff «Transition» wird oft als Sammelbegriff für nachhaltigen Wandel verwendet. Für 2026 erwarten wir jedoch Fortschritte durch präzisere Definitionen. Der Schlüssel zur Beschleunigung von Kapitalflüssen ist einerseits eine grössere regulatorische Klarheit im Rahmen der EU-Offenlegungsverordnung darüber, was als Übergangsfinanzierung gilt, und andererseits ein steigendes Kundeninteresse. 2025 war die Energiewende ein zentrales Transition-Thema. Politische Entscheidungsträger, Regulierungsbehörden, die Industrie und der Finanzsektor haben die Notwendigkeit erkannt, die Auswirkungen des Klimawandels zu mildern. Derzeit konzentriert sich die Übergangsfinanzierung auf Umweltfragen sowie die Bekämpfung des Klimawandels. 2026 könnten neue Leitplanken den Anwendungsbereich auf die Aspekte Anpassung und Resilienz sowie auf nicht klimabezogene Prioritäten ausweiten. Dies kann zu der Etablierung von Transition Finance als eigene Anlageklasse beitragen.
3. Digitale Resilienz – Stärkung der Sicherheitsvorkehrungen
Weltweit findet technologischer Wandel in allen Alltagsbereichen mit atemberaubendem Tempo statt. Insbesondere bei künstlicher Intelligenz (KI) kann der Ausbau der Sicherheitsvorkehrungen allerdings nicht mit diesem Tempo mithalten. Für eine langfristige Nachhaltigkeit technologiegetriebener Änderungen ist daher eine Stärkung der Sicherheitsvorkehrungen unabdingbar. Für eine resiliente digitale Infrastruktur sind fünf Faktoren entscheidend: Kontinuität und Zuverlässigkeit, Sicherheit und Datenschutz, Inklusion, Gesundheit sowie KI-Kompetenz. Digitale Resilienz ist unverzichtbar, denn Technologie ist die Basis für den weltweiten Wandel hin zu Systemen, die unter den künftigen klimatischen, planetarischen und sozialen Bedingungen effizient funktionieren können.
4. Infrastruktur – Möglichkeiten zur Diversifikation
Eine gut funktionierende und widerstandsfähige Infrastruktur ist das Rückgrat einer starken Wirtschaft. Mittlerweile geht Infrastruktur über Basis-Systeme und -Dienstleistungen hinaus und umfasst ein fortschrittliches, technologiegetriebenes Ökosystem, auf dem das sozioökonomische Wachstum basiert. 2026 dürfte Infrastrukturentwicklung und -finanzierung in eine neue Phase treten, getrieben durch den dringenden Bedarf an Klimawandel-Anpassung und -Milderung, Resilienz, Sicherheit und Transition. Die Resilienz von Infrastruktur wird mehr und mehr von Geopolitik, geoökonomischer Fragmentierung, Ressourcenintensität und physischen Risiken geprägt. Gleichzeitig hängen wirtschaftliches Wachstum und Stabilität immer stärker von einer robusten Infrastruktur ab. Daher sind bessere Sicherheitsvorkehrungen erforderlich. In der Vergangenheit oblag die Infrastrukturentwicklung weitgehend dem Staat. Heute zieht ihre wachsende Bedeutung für Energiesicherheit, Digitalisierung, die Wasserwirtschaft und Gesundheit jedoch auch privates Kapital an – Beispiel Rechenzentren. Dieser Wandel bei der Finanzierung wird sich auf Umfang, Art und Zeitplan von Infrastrukturfinanzierung auswirken und schafft attraktive Diversifikationsmöglichkeiten für Investoren.
5. Bepreisung von Risiken – Berücksichtigung von Schäden
Trotz der hohen politischen Brisanz und Volatilität im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit versuchen Kunden zunehmend, entsprechende Risiken zu bewerten. Für 2026 sind erhebliche Fortschritte bei der Bepreisung und Integration von Risiken in Investitionsentscheidungen zu erwarten. Unterstützt wird dies bessere Modellierungsfähigkeiten, ein zunehmendes Angebot an systematischen / quantitativen Anlagestrategien sowie eine bessere Zuordnung von finanziellen Auswirkungen – inklusive einer Rechenschaftspflicht für Schäden. Angesichts der Unsicherheit hinsichtlich klimatischer, planetarischer und sozialer Auswirkungen des Klimawandels muss die Integration von Nachhaltigkeitsfaktoren in Finanzmodelle durch robuste Szenarioanalyse ergänzt werden. Versicherungen und der Rechtssektor haben Erfahrung in der Identifizierung und Quantifizierung von Risiken. Beide Branchen sind daher gut positioniert, um eine führende Rolle bei der Preisfindung einzunehmen. Ähnliches geschah bereits in der Vergangenheit bei der Änderung der Wahrnehmung von Giftstoffen wie Tabak, Asbest und Glyphosat. Wie seinerzeit könnten diese Branchen auch künftig eine Vorreiterrolle bei der Bepreisung von Risiken im Zusammenhang mit Klimawandel, Biodiversität und sozialer Inklusion einnehmen.