Rechenzentren im Weltraum – Grössenwahn oder baldige Realität?
Die Debatte um eine mögliche KI-Blase prägt den Markt seit über einem Jahr. Neu ist weniger der Begriff selbst als seine Omnipräsenz. Was lange als Randnarrativ lief, hat sich in den vergangenen Monaten zum dominanten Deutungsrahmen verdichtet: Kaum ein Tag ohne neue Warnungen, kaum eine Woche ohne neue Rekorde bei CapEx, Chipnachfrage und Energiebedarf. Und dann taucht plötzlich eine Idee auf, die selbst in einem ohnehin schon hyperbolischen KI-Zyklus wie Satire klingt: Datenzentren im Weltraum.
Ist das der Beleg für den ultimativen Grössenwahn? Das finale Signal, dass wir uns tatsächlich in einer Blase befinden? Oder ist es genau umgekehrt: Ein Hinweis darauf, dass die Engpässe des KI-Zeitalters inzwischen so real, so physisch und so teuer geworden sind, dass die Industrie beginnt, buchstäblich neue Orte für Rechenleistung zu erschliessen? Dass diese Idee nicht mehr nur Science-Fiction-Futter ist, lässt sich an zwei Entwicklungen ablesen: Erstens beschäftigen sich namhafte Institutionen wie das European Space Policy Institute (ESPI) ernsthaft mit dem Thema. Zweitens gibt es Unternehmen, wie Axiom Space oder Starcloud, die den Schritt vom Whiteboard zur Umsetzung bereits vollziehen. Wenn es also kein Grössenwahn ist: Warum sollte ausgerechnet der Weltraum ein geeigneter Ort für Rechenzentren sein? Und werden künftig wirklich KI-Anwendungen im Orbit laufen?
Von Science-Fiction zur greifbaren Realität
Einer der zentralen Gründe, warum sich die Diskussion über Datenzentren im Weltraum zuletzt spürbar verdichtet hat, ist bemerkenswert akut wie mächtig: Energie. Stromverfügbarkeit und Netzanschluss entwickeln sich zunehmend zum limitierenden Faktor für das Wachstum klassischer Rechenzentren. Morgan Stanley schätzt, dass der beschleunigte Ausbau von KI-Infrastruktur in den USA bis 2028 zu einem Stromdefizit von bis zu 48 GW führen könnte. Gleichzeitig verlängern sich die Planungs- und Bauzeiten für neue Kraftwerke, während regulatorische Auflagen und Klimaziele den Ausbau zusätzlicher Kapazitäten weiter verkomplizieren.
Marcel Oldenkott, Co-CIO, BIT CapitalStromverfügbarkeit und Netzanschluss entwickeln sich zunehmend zum limitierenden Faktor für das Wachstum klassischer Rechenzentren.
Vor diesem Hintergrund erscheinen Datenzentren im Weltraum plötzlich weniger abwegig. Im Orbit wären sie nahezu permanent der Sonne ausgesetzt und könnten vollständig über Solarenergie betrieben werden. Anders als auf der Erde ist die Sonneneinstrahlung dort nicht nur intensiver, sondern vor allem konstant – frei von Wolken, Jahreszeiten oder Tageszyklen. Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Faktor: Keine Genehmigungsverfahren, keine lokalen Netzanschlüsse, kein politischer Widerstand. Der Weltraum bietet somit eine Lösung für ein Problem, dem irdische Rechenzentren kaum entgehen können. Neben der Energiefrage sprechen auch technologische Vorteile für Rechenzentren im All. Einer davon betrifft die interne Vernetzung. GPUs könnten dort über freie optische Verbindungen (Laser) statt über Glasfaser kommunizieren. Zwar erreicht Glasfaser bereits rund zwei Drittel der Lichtgeschwindigkeit, doch in grossskaligen Clustern entscheiden selbst geringe Latenzunterschiede über Effizienz und Skalierbarkeit. Moderne KI-Workloads erfordern eine nahezu verzögerungsfreie Synchronisation tausender GPUs. Laserbasierte Verbindungen im Vakuum umgehen die physikalischen Verluste von Glasfasern und ermöglichen potenziell grössere, dichter gekoppelte und insgesamt effizientere Rechenzentren.
Ökonomische und operative Realitätschecks
Trotz dieser strukturellen Vorteile sind Rechenzentren im All kein Selbstläufer. Die zentrale Hürde bleibt die Ökonomie des Transports: Die Kosten, Hardware in den Orbit zu bringen, dominieren derzeit jede Machbarkeitsrechnung. Hinzu kommen operative Einschränkungen, da Wartung im All nicht routinemässig, sondern nur über spezialisierte Missionen oder hohe Redundanz möglich ist. Besonders anspruchsvoll ist zudem die Kühlung. Im Vakuum scheiden klassische Luft- und Wasserkühlung aus, da Abwärme ausschliesslich über Strahlung abgeführt werden kann. Thermomanagement wird damit zu einem architektonischen Kernproblem, das grosse Radiatorflächen, präzise Auslegung und zusätzliche Systeme zur aktiven Temperaturstabilisierung erfordert und in vielen Fällen sogar mehr technische Komplexität mit sich bringt als bei terrestrischen Rechenzentren. Betrachtet man die infrastrukturellen Anforderungen moderner Rechenzentren, wirkt die Idee orbitalen Computes deutlich weniger exotisch, als sie zunächst klingt. Ökonomisch effiziente Rechenzentren benötigen vor allem eine dauerhaft verfügbare und günstige Energiezufuhr, kontrollierbare thermische Bedingungen sowie eine latenzfreie interne Vernetzung, um Skaleneffekte zu realisieren. Unter diesen Prämissen ist der Weltraum kein irrationaler Ort für Rechenzentren, sondern eine Umgebung mit anderen und in einzelnen Dimensionen sogar günstigeren Voraussetzungen. Gleichzeitig ist klar, dass anspruchsvolle technische Probleme zu lösen sind, um dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen.