Iran, Öl und Inflation: Der Konflikt, der die Märkte aus der Bahn wirft
Die Märkte stehen vor einem geopolitischen Schock – aber die Strategien der Anleger greifen nicht mehr. Staatsanleihen verhalten sich nicht wie zuverlässige sichere Häfen, da die Inflationssorgen im Zusammenhang mit den höheren Ölpreisen die Wachstumssorgen überwiegen und das Modell der traditionellen Risikovermeidung durcheinanderbringen.
Obwohl die Dauer des Iran-Konflikts nach wie vor entscheidend ist, haben die Märkte bereits begonnen, ihre Erwartungen hinsichtlich Zinssenkungen zurückzuschrauben. Tatsächlich birgt eine straffere Politik die Gefahr, den makroökonomischen Abschwung noch zu verschärfen. Dies führt dazu, dass Anleger selektiver nach Sicherheit suchen und traditionelle Absicherungsinstrumente einer neuen Prüfung unterzogen werden müssen.
Auswirkungen auf die Weltwirtschaft
Dauerhaft steigende Ölpreise, zusätzlich befeuert durch Lieferkettenprobleme im Transport, beeinflussen die Inflationsdynamik weltweit spürbar. Für Entscheidungsträger stellt sich dabei die zentrale Frage, ob die gestiegenen Energiekosten die Inflationserwartungen dauerhaft destabilisieren oder ob es sich letztlich um einen temporären angebotsseitigen Schock handelt.
Laura Cooper, Senior Macro Strategist, NuveenDie Märkte stehen vor einem geopolitischen Schock – aber die Strategien der Anleger greifen nicht mehr.
Die Zinsmärkte haben bereits reagiert: Die Preise für eine vollständige Zinssenkung durch die Fed haben sich von Juli auf September verschoben, die Erwartungen einer Lockerung durch die Bank of England wurden stark zurückgeschraubt, und die Erwartungen an die EZB haben sich von einer möglichen Zinssenkung im Jahr 2026 zu einer verlängerten Zinspause gewandelt. All das spricht eher für eine Verzögerung der geldpolitischen Massnahmen als für eine strukturelle Veränderung der Zinspfade.
Die Fed kann angebotsseitigen Inflationsschock nicht abkühlen
Selbst im schlimmsten Fall einer Schliessung der Strasse von Hormus, durch die etwa 20 Prozent der weltweiten Ölversorgung fliessen, hat dies nach Schätzungen der Federal Reserve Bank of Dallas nur moderate und weitgehend vorübergehende Auswirkungen auf die Kerninflation und die Preiserwartungen, wobei die Übertragung hauptsächlich über Benzin erfolgt. Höhere Energiepreise wirken auch wie eine Steuer für die Konsumenten. Angesichts der bereits begrenzten Puffer für US-Haushalte würde die Belastung der Realeinkommen das Wachstum beeinträchtigen und im Laufe der Zeit eher eine akkommodierende als eine restriktive Haltung begünstigen. Wichtig ist, dass die geldpolitische Straffung darauf abzielt, die Nachfrage zu dämpfen, nicht aber, Angebotsschocks zu beheben. Zentralbanken können die Nachfrage reduzieren, aber nicht mehr Öl produzieren.
Europa reagiert verhalten
Die Risiken sind in Europa grösser, wo die Energieempfindlichkeit höher ist und LNG-Unterbrechungen bereits zu einem starken Anstieg der Gaspreise geführt haben. Die politischen Entscheidungsträger haben jedoch signalisiert, dass es noch zu früh ist, um zu dem Schluss zu kommen, dass der Schock die Wachstums- oder Inflationsaussichten wesentlich verändern wird. Jeder erneute Inflationsimpuls erhöht auch die Wahrscheinlichkeit staatlicher Massnahmen zur Kostendämpfung, die den Aufwärtsdruck auf die Preise begrenzen, aber die fiskalische Belastung weiter erhöhen würden.
Aus Anlegersicht: Diversifizierung weg von US-Anlagen
Der geopolitische Schock wirkt sich am Rande inflationär aus. Und die jüngste Flucht in sichere Staatsanleihen hat bereits nachgelassen. Der Dollar könnte kurzfristig Unterstützung finden, da Anleger Liquidität suchen. Die strukturellen Treiber für die Dollarschwäche bleiben jedoch bestehen: sich verringernde Wachstumsunterschiede, zunehmende fiskalische Sorgen und eine allmähliche Diversifizierung weg von US-Anlagen.