Träge Deutsche

Die Wirtschaftsmisere in Deutschland ist offenkundig. Offenbar hat dies auch mit einer sich ausbreitenden Trägheit zu tun.

Die Deutschen beklagen die schwere Wirtschaftskrise, in die ihr Land geraten ist. Und die anderen Europäer jammern mit. Kein Wunder: Wenn die stärkste Wirtschaftsnation des Kontinents kränkelt, spürt das der Rest Europas. Schon einmal, nach der Jahrtausendwende, galt Deutschland als der «kranke Mann Europas». Aber jetzt ist es noch schlimmer. Hans-Werner Sinn, der ehemalige Chef des Ifo-Instituts in München und einer der Altmeister der Wirtschaftswissenschaften im Land, konstatierte Anfang November: «Deutschland steht an einem historischen Wendepunkt seiner Entwicklung, bei dem seine Existenz als global tätige Wirtschaftsnation auf dem Spiel steht.» Als «zentrale Brandherde» nannte Sinn die Automobil- und die Chemieindustrie.

Deutschland bewegt sich punkto Arbeitszeitverkürzung im Mittelfeld. Aber: Mit 31 Urlaubs- und nicht weniger als 25 Krankheitstagen (Schweizer fehlten 9 Tage im Jahr 2022) liegt das Land in der Spitzengruppe.

Jürgen Dunsch, Wirtschaftsjournalist (mit deutschen Wurzeln)

Die Belastungsfaktoren sind bekannt. Sie reichen vom alltäglichen Bürokratiewahn bis zum Atomausstieg und der unkontrollierten Einwanderung. Sinn führt aber auch das Schulsystem als einen Beleg für den Niedergang an. Es sei ausserstande, im internationalen Wettbewerb der Pisa-Tests zu bestehen, findet er. Schule verknüpft sich mit Leistung, Prüfungen und Abschlüsse sind deren sichtbarer Ausdruck. Die weiterführende Frage liegt nahe: Sollte die Wirtschaftskrise auch mit einem schwindenden Leistungsdenken im Land zusammenhängen?

Ein Volk von Kranken
Gemäss einer Statistik des Industrieländerclubs OECD arbeiten deren Bürger heutzutage sichtbar weniger als noch zur Jahrtausendwende. Nicht zuletzt das Mehr an Teilzeitarbeit schlägt zu Buche. Deutschland bewegt sich punkto Arbeitszeitverkürzung im Mittelfeld. Aber: Mit 31 Urlaubs- und nicht weniger als 25 Krankheitstagen (Schweizer fehlten 9 Tage im Jahr 2022) liegt das Land in der Spitzengruppe und mit 1'300 Arbeitsstunden im Jahr klar am unteren Rand der 16 untersuchten Länder. Seit der Pandemie scheinen die Deutschen ein Volk der Kranken zu sein, beträgt doch der EU-Durchschnitt laut Weltgesundheitsorganisation rund 14 Tage. Unabhängig davon hat der Verband Economiesuisse im Sommer in einer Studie festgestellt, dass zum deutschen Pro-Kopf-Wachstum zwischen 2010 und 2022 der Faktor Arbeitseinsatz nichts beigetragen hat.

Man rätselt, ob und wie der deutschen Trägheit entgegengewirkt werden kann. Nur am Rande sei erwähnt, dass Leistung zur Grundausstattung von Liberalen mit Wettbewerb und Eigenverantwortung gehört.

Jürgen Dunsch

Leistungswillen ade, haben Bequemlichkeit und Empfindlichkeit über die Maloche gesiegt? Sind Yoga-Stunden heutzutage wichtiger und sogar imagefördernder als das Hochkrempeln der Ärmel? Muss die Produktivität der Unternehmen statt über mehr Leistung der Beschäftigten noch mehr über zusätzliche Investitionen in Geräte, Maschinen und Digitalisierung gesteigert werden? Dies bei einer ohnehin schrumpfenden Erwerbsbevölkerung als Folge der Alterskeule?

Man rätselt, ob und wie der deutschen Trägheit entgegengewirkt werden kann. Nur am Rande sei erwähnt, dass Leistung zur Grundausstattung von Liberalen mit Wettbewerb und Eigenverantwortung gehört. Zumindest eines würde ein neuer Arbeitswille bewirken: Er könnte den international weit überdurchschnittlichen Fachkräftemangel in Deutschland entschärfen. Natürlich muss sich Leistung lohnen, Sonderzahlungen sind daher unabdingbar. Aber gerne wird vergessen, welch grosse Rolle das Betriebsklima als Grundlage bildet, in dem sich die Angestellten geschätzt und aufgehoben fühlen. Individuelle Gespräche mit ihnen gehören in das Pflichtenheft jedes Managers. Leistungsgerechte Sonderzuwendungen wecken dann nicht zwangsläufig Neidgefühle.

Die Leistungszulagen müssen nicht unbedingt materieller Art sein. Wenn es stimmen sollte, dass die Menschen nichtmonetäre «Boni» vermehrt schätzen, öffnet sich ein weites Feld. Je nach Art von Teamgeist können sie aus einzelnen freien Tagen, der Auszeichnung zum «Mitarbeiter des Monats», höherwertigeren Aufgaben im Sinne einer «sanften Beförderung» oder aus Spenden des Unternehmens zugunsten gemeinnütziger Initiativen bestehen – von der lokalen Vereinsförderung bis zu Hilfen für Menschen in Not. Zusätzliche, spontan abgerufene Null-Bock-Urlaubstage bei Arbeitsüberdruss, wie sie in Grossbritannien ein Thema sind, müssen deswegen noch lange nicht sein.

Lehren für die Schweiz
Immer wieder zeigt sich, dass die Schweiz vielen Entwicklungen in Deutschland nachfolgt – im Guten wie im Schlechten, wenn auch in abgeschwächter Form. Die direkte Demokratie, ein (immer noch) stärker marktwirtschaftliches Denken sowie eine gewisse Vernunftreserve verhindern einen vollständigen Trendtransfer. Warnzeichen gibt es indes genug. In der Wirtschaft ist es zum Beispiel die schon erwähnte Arbeitszeitverkürzung. Die Tatsache, dass in der erwähnten OECD-Statistik die Deutschen mit ihren 1'300 Stunden im Jahr hinterhertrödeln, verschärft nur eine längerfristige Tendenz. Hierzulande werden immerhin noch über 200 Stunden mehr gearbeitet. Aber nach der drittstärksten Verkürzung unter den untersuchten Ländern ist man bald auf dem EU-Durchschnitt.

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