Lindt & Sprüngli: Süsse Versuchung oder Kalorienbombe?
Ähnlich wie der kultige Goldhase im Hitzesommer schmolz auch der Aktienkurs von Lindt & Sprüngli auf ein Mehrjahrestief. Was sind die Gründe und wie könnte es weiter gehen? Wir analysieren nachfolgend die Situation und beurteilen die Ausgangslage.
Lindt & Sprüngli ist weltweit ein Inbegriff für eine typische Schweizer Eigenheit. Dies hat dem Kilchberger Unternehmen verholfen, zu einem der global grössten Schokoladenhersteller zu werden. Dank der Konzentration auf das Premiumsegment kann von einer starken Markenposition sowie einer hohen Preissetzungsmacht profitiert werden. Dieser Status steht aktuell auf dem Prüfstand, was ein Blick auf die jüngste Aktienkursentwicklung zeigt.
Absatzmenge unter Druck
Dabei wurde 2025 zum dritten Mal in der Unternehmensgeschichte die 5-Milliarden-Umsatz-Marke übertroffen. Allerdings ging das Volumen der verkauften Menge im vergangenen Geschäftsjahr zurück. Mit Ausnahme der Corona-Pandemie verkaufte Lindt & Sprüngli erstmals seit 2010 weniger Schokolade als im Vorjahr. Dank einer aggressiven Preisstrategie konnte dennoch ein organisches Wachstum von 12,4 Prozent erreicht werden. Dies lag deutlich über den hohen Zielsetzungen. Rückblickend markiert aber das Jahresergebnis 2025 einen Wendepunkt. Denn auch 2026 bleibt das Konsumumfeld herausfordernd und die Absatzmenge ist weiter rückläufig. Die Geschäftsentwicklung im ersten Halbjahr fiel ernüchternd aus. Trotz neuerlichen Preiserhöhungen ging der Umsatz in den ersten sechs Monaten um knapp ein Prozent zurück.
Preiserhöhungen haben ein Limit
Die Absatzschwäche konnte in den letzten Jahren mit Preiserhöhungen mehr als abgefedert werden. Gemäss einer Schätzung der Investmentbank Jefferies hat Lindt & Sprüngli die Verkaufspreise seit 2021 kumulativ um 50 Prozent erhöht. Doch wie es scheint, hat die Preiselastizität auch im Hochpreissegment allmählich seine Grenzen erreicht. In wichtigen europäischen Märkten wie der Schweiz oder Deutschland hat sich die Nachfrage teilweise deutlich eingetrübt. Lindt & Sprüngli hat darauf mit Preissenkungen reagieren müssen.
Stefan Müller, Anlage-Experte, VZ VermögensZentrumLindt & Sprüngli bleibt eine Qualitätsaktie mit führender Markenpositionierung, laufender Margenverbesserung und starker Bilanz. Für einen süsseren Kursverlauf bedarf es aber neuer Fantasien.
Dies wurde von den Investorinnen und Investoren wenig wohlwollend entgegengenommen. Über Jahrzehnte galt das Credo: Aktionen ja, Preissenkungen nein. Aufgrund des inflationären Umfeldes waren Preiserhöhungen in den Jahren nach der Corona-Pandemie angebracht. Dies wurde zusätzlich durch explodierende und sehr volatile Kakaopreise in den Jahren 2024 und 2025 begünstigt. Der Kakaomarkt hat sich zwischenzeitlich wieder stabilisiert. Doch die zusätzlichen Teuerungsschübe infolge des Iran-Konfliktes treffen die Konsumentinnen und Konsumenten bei ihrer Preisempfindlichkeit. Das schlägt sich negativ in der operativen Entwicklung nieder. Organisch resultierte zwar im ersten Semester noch ein Wachstum von 4,3 Prozent. Das mittel- bis langfristige Ziel von 6 bis 8 Prozent wird 2026 aber nicht erreicht werden. Lindt & Sprüngli rechnet mit 4 bis 6 Prozent organischem Wachstum. Das ist massiv tiefer als in den Vorjahren.
Qualität bleibt erstklassig
Spitzenklasse ist Lindt & Sprüngli weiterhin bei den Effizienz- und Profitabilitätskennzahlen. Die Marge des Betriebsgewinns auf Stufe EBIT verbesserte sich in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um weitere 20 Basispunkte. Auch die Rendite auf das investierte Kapital von mehr als 14 Prozent verdeutlicht das Premiumprofil. Gleichzeitig erzielt das Unternehmen seit Jahren einen konstanten freien Geldfluss (Free Cashflow) zwischen 450 und 630 Millionen Franken jährlich. Die Zielsetzung des Unternehmens sieht für 2026 eine Verbesserung der EBIT-Marge um 20 bis 40 Basispunkte vor. Das dürfte dank weiteren Effizienzverbesserungen und Kosteneinsparungen machbar sein. Seit 2020 ist eine konstante Verbesserung der Standard.
Die Erfolgsgeschichte von Lindt & Sprüngli war immer wieder ein Balanceakt zwischen Margen- und Volumenwachstum. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass dies dank flexiblem Kostenmanagement und dynamischer Produktentwicklung immer wieder gelang. Zuletzt konnte beispielsweise mit der schnellen Einführung der Dubai-Schokolade gepunktet werden.
Fazit
Schwankende Rohstoffpreise, erhöhte Inflation und ein verändertes Konsumverhalten bleiben zentrale Herausforderungen für die gesamte Lebensmittelindustrie. Die Absatzvolumen dürften sich daher nur langsam erholen und vorerst für wenig Aufwind sorgen. Ein organisches Wachstum von jährlich 6 bis 8 Prozent scheint für Lindt & Sprüngli realistisch zu sein. Das Jahr 2026 wird hier eine Ausnahme bilden. Der globale Schokoladenmarkt dürfte in den kommenden Jahren um rund 5 Prozent jährlich wachsen. Im Premiumbereich liegt allenfalls noch etwas mehr drin. Um den Abwärtssog der Kursentwicklung stoppen zu können, braucht es aber vor allem den Nachweis, dass volumenmässig wieder mehr Schokolade verkauft wird. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis sowie Kurs-Umsatz-Verhältnis notieren weit unter dem langjährigen Schnitt des Unternehmens. Lindt & Sprüngli bleibt eine Qualitätsaktie mit führender Markenpositionierung, laufender Margenverbesserung und starker Bilanz. Für einen süsseren Kursverlauf bedarf es aber neuer Fantasien. Es zeichnet sich zwar nicht direkt ein goldener Herbst ab, aber immerhin ein etwas milderer. Aus Anlegersicht läuft die Zeit aber nicht davon. Es muss daher nicht gleich mit beiden Händen zugelangt werden.