Buchtipp – Dag Solstad: T. Singer, Doerlemann Verlag
Der Held des Romans, eigentlich ein Antiheld, ist ein Mann ohne Eigenschaften, Singer hat nicht einmal einen Vornamen. Nach vertrödelten Studienjahren und dem aufgegebenen Versuch, Schriftsteller zu werden (er kommt über den ersten Satz nicht hinaus), nimmt er die erstbeste Stelle als Bibliothekar in einer Provinzstadt in Südnorwegen an, um dort ein komplett unauffälliges Leben zu führen.
Singer ist absoluter Durchschnitt, hat keine Ambitionen oder Ziele, kaum Freunde, höchstens Berufskollegen – das stört ihn nicht; leiden tut er unter seinen Schamgefühlen und oft verfällt er in stundenlange Grübeleien. Obwohl Singer eigentlich auch kein Interesse an Frauen hat, verliebt er sich in die Töpferin Merete und zieht mit ihr und ihrer kleinen Tochter zusammen. Nach wenigen glücklichen Jahren kriselt die Beziehung, doch kurz bevor es zur Scheidung kommt, stirbt Merete, und Singer übernimmt die Verantwortung für seine Stieftochter.
Die Erzählung ist zwar geprägt von unzähligen Wiederholungen, und auch die fehlende Unterteilung in Kapitel kann für den einen oder anderen Leser zur Herausforderung werden. Dag Solstads Sprache ist indes keinesfalls gleichförmig, sondern im wahrsten Sinne des Wortes phantastisch und von imaginierten Dialogen geprägt, so dass ein Sog entsteht, dem man sich nicht entziehen kann. Skandinavische Schwermut, die bei den Beschreibungen der Landschaften und Orte der Telemark hineinspielt, anachronistische Charaktereigenschaften wie Demut und Genügsamkeit der Hauptfigur, deren Ernsthaftigkeit, die manchmal ins Abstruse kippt, und die immer wieder in die Metaebene des Autors wechselnde Erzählweise, welche feine Ironie spüren lässt, machen das Buch besonders und lesenswert.
