Julius Bär und das Verfallsdatum bankinterner Schonfristen

«Knall bei Bär: Evie Kostakis verlässt die Bank», titelte am vergangenen Freitag ein Finanzmedium. Ein Knall? Wohl kaum. Eher das verspätete Ende einer Personalie, deren Ablauf in der Branche seit Monaten als Formsache galt.

Dass der Abgang der Finanzchefin der Zürcher Privatbank Julius Bär am vergangenen Freitag verkündet wurde, überrascht in etwa so sehr wie die Erkenntnis, dass Wasser bei null Grad gefriert. Branchenbeobachter hatten längst damit gerechnet, dass auch ihre Schonfrist irgendwann auslaufen würde.

Die Finanzbranche ist bekanntlich kein Ort überbordender Vergebungsbereitschaft. Wer mutmasslich Mitverantwortung für einen Milliardenabschreiber trägt, wird selten mit offenen Armen zum nächsten Spitzenjob empfangen.

Reto Giudicetti, The Olniner

Zur Erinnerung: Ende Januar 2024 musste CEO Philipp Rickenbacher infolge des milliardenschweren Benko-Debakels seinen Posten räumen. Nachdem Julius Bär unter anderem wegen grotesk fahrlässiger Kreditvergaben an den notorisch dubiosen österreichischen Immobilienjongleur René Benko inzwischen rund eine Milliarde Franken abschreiben musste, war klar, dass Köpfe rollen würden. Oder zumindest rollen sollten. Während diverse Verantwortliche zügig entsorgt wurden, durfte ausgerechnet Evie Kostakis, die als Chief Financial Officer kaum bloss dekoratives Beiwerk im Kreditprozess gewesen sein dürfte, zunächst erstaunlich unbehelligt weitermachen. Offenbar galt sie bankintern vorerst noch als zu wichtig, zu vernetzt oder schlicht zu unbequem, um sofort zur Verantwortung gezogen zu werden.

Bis am vergangenen Freitag, um 15.25 Uhr.

Da liess Julius Bär in einer überaus wohlwollend formulierten Medienmitteilung verlauten, Kostakis trete von ihrer Funktion zurück, um «nach einem geordneten Übergabeprozess – voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte – eine neue internationale Führungsposition zu übernehmen». Eine Formulierung, wie sie nur HR-Abteilungen und Krisenkommunikationsberater mit vollkommen ernstem Gesicht produzieren können. Ob Evie Kostakis diesen Entscheid tatsächlich selbst gefällt hat oder ob man ihr bloss den üblichen vergoldeten Notausgang zur Wahrung des Gesichts offerierte, bleibt Gegenstand von Spekulationen. Wer jedoch auch nur rudimentär mit den Gepflogenheiten der Finanzbranche vertraut ist, weiss: Wenn jemand «freiwillig» Monate nach einem Debakel geht, war die Freiwilligkeit meist überschaubar.

Spannender ist ohnehin die Frage, welche «internationale Führungsposition» nach einem operativen Totalschaden dieser Grössenordnung realistischerweise noch auf sie warten soll. Die Finanzbranche ist bekanntlich kein Ort überbordender Vergebungsbereitschaft. Wer mutmasslich Mitverantwortung für einen Milliardenabschreiber trägt, wird selten mit offenen Armen zum nächsten Spitzenjob empfangen. Das institutionelle Gedächtnis der Branche funktioniert erstaunlich selektiv – bei Bonuszahlungen oft kurz, bei Fehltritten hingegen elefantenhaft. Zweite Chancen werden auf dieser Flughöhe nur ungern gewährt, insbesondere dann nicht, wenn sich im Lebenslauf ein kolossaler Abschreiber findet. Dennoch ist Evie Kostakis selbstverständlich zu wünschen, dass sie andernorts eine neue und erfüllende Aufgabe findet. Böse Zungen könnten allerdings anmerken, es wäre womöglich ratsam, wenn die nächste Position etwas weniger Gelegenheit böte, hunderte von Millionen zu versenken.

Hauptbildnachweis: Julius Bär