Nestlé vs. L'Oréal oder weshalb sich ein unternehmerischer Fokus auszahlt
Die Zeit der Konglomerate ist vorbei. Doch noch immer sind viele Unternehmen übermässig diversifiziert.
Diversifikation – über Unternehmen, Branchen, Geschäftsmodellen und Währungen hinweg – ist für Aktieninvestoren sinnvoll. Die gehaltenen Unternehmen sollten jedoch fokussiert sein. Im Gegensatz zu Firmenkonglomeraten, die oft Black Boxes sind, sind Unternehmen, die einen klaren Fokus haben einfacher analysierbar, zudem performen sie auch besser.
Beat Keiser, Head of Equities, Rothschild & Co Bank, Wealth ManagementDer Trend zu einfacheren, fokussierten Geschäftsmodellen dürfte weiter zunehmen.
Viele Konglomerate sind 1960 in den Vereinigten Staaten im Umfeld tiefer Zinsen und stringenterem Wettbewerbsrecht entstanden. Heute sind sie immer weniger «en vogue». Trotzdem gibt es immer noch zu viele davon. Die Gründe dafür liegen in der Hybris von Managern (grösser ist besser), falschen Anreizen (Boni, die auf Gewinnwachstum basieren), passiven Investoren und Managern ohne persönliche Teilhabe an ihren Entscheiden, oder wie man heute sagt, ohne Skin in the game. Der Trend zu einfacheren, fokussierten Geschäftsmodellen dürfte deshalb weiter zunehmen. Die 2020er Jahre könnten sogar zum Jahrzehnt der «Dekonglomeratisierung» werden. Abspaltungen wie Carrier und Otis von United Technologies, die Aufspaltung von General Electric oder Sandoz von Novartis dürften erst der Anfang, nicht aber das Ende dieses überfälligen Trends sein.
L'Oréal macht es besser als Nestlé
Ein überzeugendes Beispiel für die Vorteile von Fokussierung liefert ein Vergleich zwischen zwei Schwergewichten der Konsumgüterbranche: Nestlé und L'Oréal. Nestlé, ein Gigant in der Nahrungsmittelbranche mit einem Umsatz von über 90 Milliarden Franken, L'Oréal, der Marktführer in der Schönheitsbranche mit einem Umsatz von über 40 Milliarden Euro. Pikant ist, dass Nestlé mit einem Anteil von 20 Prozent Hauptaktionär von L'Oréal ist. Nestlé bleibt unserer Ansicht nach trotz seiner Grösse und Reichweite zu stark diversifiziert. Das Unternehmen ist in diversen Märkten wie Wasser, Süsswaren, Heimtierprodukte, Fertiggerichte, Milchprodukte, Kaffee und Gesundheitswissenschaften tätig, wobei die Synergien begrenzt sind. Die Historie von Nestlé ist von zahlreichen Akquisitionen geprägt, darunter der jüngste Erwerb der Konsum- und Gastronomieprodukte von Starbucks. Trotzdem bleibt die Erfolgsbilanz gemischt, wie der jüngste Milliardenabschreiber im Zusammenhang mit dem Verkauf des Erdnussallergiemittels Palforzia zeigt. Dies spiegelt sich auch in einem bescheidenen organischen Umsatzwachstum von knapp 5 Prozent in den letzten zehn Jahren und einer durchschnittlichen Aktionärsrendite von rund 6 Prozent wider.
Beat KeiserAbspaltungen wie Carrier und Otis von United Technologies, die Aufspaltung von General Electric oder Sandoz von Novartis dürften erst der Anfang, nicht aber das Ende dieses überfälligen Trends sein.
Im Gegensatz dazu konzentriert sich L'Oréal auf eine Branche und ist innerhalb dieser ein klarer Marktführer mit einem Marktanteil von etwa 15 Prozent. Das Unternehmen ist breit diversifiziert, aber nicht überdiversifiziert, da es verschiedene Regionen, Währungen, Marken, Distributionskanäle, Preispunkte und Produktkategorien umfasst. Akquisitionen sind ebenfalls Teil der Unternehmensstrategie, jedoch immer mit einem klaren Fokus auf das Kerngeschäft. Die Erfolgsbilanz von L'Oréal ist solide, abgesehen vom Kauf des Geschäfts von «The Body Shop», das mittlerweile wieder verkauft wurde. Dieser klare Fokus spiegelt sich in einem organischen Umsatzwachstum von über 6 Prozent und einer durchschnittlichen Aktionärsrendite von über 15 Prozent seit 2013 wider.
Pflege der Kernkompetenzen macht den Unterschied
Der Aufruf als Aktieninvestor an Firmen lautet: Konzentriert euch! Der effektivste Schutz vor feindlichen Übernahmen und aktivistischen Investoren besteht in einem hohen Aktienkurs beziehungsweise einer hohen Bewertung. Wie erreicht man das? Indem man sich auf Kernkompetenzen konzentriert und ein klares, differenziertes Geschäftsmodell mit starken Marktpositionen in den jeweiligen Zielmärkten verfolgt.