Wirtschaftsprognosen als Anlagekompass: Was Anleger erwarten dürfen – und was nicht
Geldanleger lechzen nach Prognosen. Sie sollen Anlageentscheide erleichtern. Aber man darf nicht zu viel erwarten.
Vor einigen Tagen hob die Bundesregierung in Berlin die Prognose zum Wirtschaftswachstum für 2026 in Deutschland von 0,5 auf 1,3 Prozent an. Solch deutliche Änderungen in den Vorhersagen für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sind vergleichsweise selten. Ein simpler Grund für Änderungen liegt darin, dass die Sicht im Jahresverlauf immer besser wird. Ähnlich sieht es hierzulande aus. Das Staatssekretariat für Wirtschaft erwartet für dieses Jahr ein BIP-Wachstum von 1,7 Prozent nach 0,9 Prozent im Juni. Das ist fast eine Verdoppelung der erwarteten Wachstumsrate.
Jürgen Dunsch, Wirtschaftsjournalist FAZ et al.Gute Prognosen leben unter anderem davon, dass ihr Ziel möglichst klar und begrenzt ist. Je weiter es entfernt liegt und je breiter die Prognosen angelegt sind, desto eher stossen sie auf die Unwägbarkeiten der Realität, auf gegenläufige Entwicklungen, plötzliche Wirkungszusammenhänge und Schwarze Schwäne.
Berlin kann für die Revision aber zugleich gewichtige Inhalte anführen. So legten die Ausfuhren aus Deutschland überraschend stark zu. Zwei weitere Wachstumstreiber in Deutschland sind staatlich angestossen. Da ist erstens das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität. Hinzu kommt der höhere Verteidigungsetat. Doch die Grundfrage bleibt: Wie sicher sind Prognosen? Gaukeln sie eine Gewissheit vor, die sich immer wieder in Luft auflöst?
Zukunftseinschätzungen variieren stark
Deutlich wird dies, wenn man sich dem Allerweltsthema KI zuwendet. Im Vorfeld der Jahrestreffen von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank beschränkte sich die IWF-Chefin Kristalina Georgiewa auf die Aussage, dass erfahrungsgemäss neue Technologien kurzfristig gerne überschätzt und langfristig unterschätzt würden. Global betrachtet könnte KI das jährliche Wachstum um bis zu 0,5 Prozentpunkte im Jahr verbessern. Ein interessantes Stimmungsbild, für reale, zeitlich begrenzte Entscheidungen aber nur eine Randnotiz. Gute Prognosen leben unter anderem davon, dass ihr Ziel möglichst klar und begrenzt ist. Je weiter es entfernt liegt und je breiter die Prognosen angelegt sind, desto eher stossen sie auf die Unwägbarkeiten der Realität, auf gegenläufige Entwicklungen, plötzliche Wirkungszusammenhänge und Schwarze Schwäne. Daneben muss die Datengrundlage möglichst fest sein, Umfrageergebnisse zum Beispiel taugen nur begrenzt. Und weiter: Während Geldanleger eine möglichst grosse Diversifikation ohne Berührungspunkte anstreben, suchen Prognostiker eine möglichst starke Interaktion von Daten. Für künftige Gesundheitsausgaben gehören Ärztetarife und Demographie zusammen. In diesen Wochen erarbeiten die Banken ihre Vorhersagen für 2027. Im Bewusstsein der Schwierigkeiten greifen inzwischen viele grosse und kleine Institute zu «Szenarien». Da ist für jede und jeden etwas dabei. Die UBS zum Beispiel hatte Anfang 2025 für den SMI am Jahresende in vier Szenarien eine Spannweite von 10'200 bis 14'200 Punkten angegeben. Am Jahresende erreichte der Index das Rekordhoch von 13'268 Punkten. Damit lag er zumindest im optimistischen Szenario der Bank. Und mit Szenarien liegen die Institute – vorbehaltlich eines Börsencrashs – immer irgendwie richtig.
Währungsprognosen sind schwierig
Als besonders schwierig gelten Einschätzungen zur Währungsentwicklung. Die führenden Devisenmärkte sind gross und reagieren besonders rasch. Sie unterliegen überdurchschnittlich vielen Einflüssen, kein Wunder ist das Hedging von Wechselkursen sehr verbreitet. Im Übrigen gilt: Ruhe ist die erste Anlegerpflicht. «Wer hektisch auf Tagesprognosen reagiert und ständig umschichtet, verbrennt dadurch tendenziell nur Kapital: Man kauft aus Emotionen zu teuer und verkauft aus Panik meistens zu billig», schrieb unlängst die Postfinance in einer Verlagsbeilage. Wenn sich blinde Prognosegläubigkeit und starke Emotionen verbinden, läuft man noch schneller in Fallen.