Nicht alle zieht es nach Davos

In dieser Woche versammelt sich die Weltelite wieder beim World Economic Forum (WEF) in Davos. Die Teilnehmerliste der Spitzenpolitiker verrät aber unterschiedliche Prioritäten.

Ab diesem Montag herrscht in Davos wieder Ausnahmezustand. Es ist die Woche des World Economic Forums (WEF). Auch die 55. Ausgabe dürfte wieder rund 3'000 Beteiligte aus aller Welt anziehen. Beim Betriebsausflug wichtiger Konzernchefs und mehr noch grosser Teile der Politprominenz aus aller Welt erlaubt die Liste der teilnehmenden und nicht-anwesenden Staatenlenker stets Rückschlüsse auf die nationalen Interessen und Befindlichkeiten.

Donald Trump, ab diesen Montag wieder auf dem Präsidentenstuhl der USA, kommt nicht.

Jürgen Dunsch, Wirtschaftsjournalist

Donald Trump, ab diesen Montag wieder auf dem Präsidentenstuhl der USA, kommt nicht. Er ist aber dabei. Voraussichtlich am Donnerstag will er beim bunten Treiben in den Bergen per Video mitmischen. Und wie. Trump ist das dritte Mal in Davos dabei, nach 2018 und 2020. Von den amerikanischen Präsidenten reiste Bill Clinton einmal an. George W. Bush und Barack Obama waren eingeladen, folgten dem Ruf von Forumsgründer Klaus Schwab aber nicht. Chef-Dealmaker Trump hatte sich bei seinen zwei bisherigen Auftritten am WEF sichtlich wohl gefühlt. Die Kombination ist auch eine grosse Einladung: aus Amerika eine ansehnliche Ansammlung wichtiger Dealmaker aus der Wirtschaft, darüber hinaus wichtige Leute aus allen Erdteilen. Und Schwab belästigt auf der Bühne des Konferenzzentrums seine Super-Promis nicht mit unbequemen Fragen. Jetzt muss er aufpassen, dass der Präsident den Eliten-Treff nicht allmählich zu einer America-First-Veranstaltung macht.

Mehrere Europäer fehlen
Angesichts des erwarteten Auftrumpfens von Trump fällt die Abwesenheit mehrerer Europäer umso mehr auf. Auf der vom WEF verbreiteten Teilnehmerliste fehlen Keir Starmer aus Grossbritannien, sowie aus der EU Emmanuel Macron und Giorgia Meloni. Sie plagen die wirtschaftspolitischen Sorgen in ihren Ländern offenbar doch zu stark. Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz war angekündigt, hat aber anscheinend kurzfristig abgesagt. Vielleicht hält er einen Auftritt im Zirkel der Reichen, Wichtigen und Wichtigtuern letztlich nicht für angebracht, wenn er im laufenden Wahlkampf sich als Schützer der kleinen Leute präsentieren will. Kanzlerkandidat Robert Habeck von den Grünen plagen solche Zweifel nicht, er hat sein Kommen zugesagt. Wolodimir Selenski, im Vorjahr erstmals seit dem russischen Angriff persönlich in Davos, will in irgendeiner Form ein weiteres Mal zugegen sein. Nirgendwo sonst kann er so gut für die Unterstützung der Ukraine werben.

Indien mit einer grossen Delegation
Russland hingegen ist von Schwab seit Mai 2022 geächtet. Es ist das einzige Land neben Nordkorea, das dem Bann unterliegt. Da überrascht es nur wenig, dass der Iran mit seinen Revolutionsgarden einen politischen Vertreter in Gestalt von Vizepräsident Mohammed Javad Zarif ans WEF schickt. Die anderen BRICS-Staaten neben Russland sind unterschiedlich präsent. Aus Südafrika reist mit Präsident Matamela Cyril Ramaphosa der ranghöchste Vertreter des Landes an. Hingegen begnügt sich Brasilien mit dem ehemaligen Aussenminister Celso Amorim, heute Chefberater von Präsident Lula da Silva. Dieser kann dem Forum sowieso in Massen etwas abgewinnen. Angesichts dessen hat der radikalliberale Javier Milei einen umso grösseren Auftritt. China, schon seit 1979 offiziell in Davos, wird durch Vize-Premier Ding Xuexiang vertreten.

Aus Indien, einem der Staaten mit Wachstumsraten um die sechs Prozent und mehr, war in den Jahren 2018 und 2022 Spitzenmann Narendra Modi am WEF dabei. Jetzt reisen immerhin fünf Minister an. Sie werden das Land in den schönsten Farben schildern und die mehr als 65 Konzernchefs politisch flankieren. In den Schweizer Bergen werden auch Hoffnungsträger aus kleineren Schwellenländern sein. Ein Beispiel ist Pham Minh Chinh, der Premier von Vietnam. Sein Land gilt als globales Vorzeigeprojekt und interessiert viele Manager. Und im Aufgreifen aktueller Entwicklungen ist das WEF sowieso stets auf der Höhe der Zeit. Angekündigt ist denn auch der neue syrische Aussenminister. Er kann im Forum mit viel Goodwill rechnen.

Hauptbildnachweis: WEF