Das BIP als Messgrösse – reicht das?
Wirtschaftswachstum umfasst mehr als das Bruttoinlandsprodukt, sagen Kritiker. Das Weltwirtschaftsforum (WEF) stellt ein neues Modell vor.
Die Entwicklung einer Volkswirtschaft allein anhand des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu messen, greife zu kurz, sagen Kritiker. Da ist schon was dran. Zu eng erscheint die Beschränkung auf eine Ziffer. So bildet sie die Schattenwirtschaft zwangsläufig nicht ab, die zum Beispiel in der EU auf nahezu 20 Prozent geschätzt wird. Noch kritischer ist, dass sich das BIP mit Interpretationen verbindet, wonach kleine Werte wie plus 0,2 Prozent Wachstum bedeuten, plus/minus null hingegen Stagnation und gleich darunter die Rezession dräut.
Jürgen Dunsch, WirtschaftsjournalistDas BIP ist nicht alles, bleibt aber allen Weiterungen in den Messgrössen zum Trotz doch eine Schlüsselgrösse, um die Herausforderungen in Wirtschaftsnationen zu meistern.
Aus solchen Gründen gibt es immer wieder Modelle, die das Wirtschaftswachstum breiter fassen. Immer öfter wird darüber hinaus versucht, qualitative Aspekte einfliessen zu lassen. Entsprechend hat jüngst auch das World Economic Forum (WEF) einen Bericht veröffentlicht, der nichts weniger als das Messen eines «qualitativen Wachstums für eine neue wirtschaftliche Epoche» verspricht. Und das sind die Komponenten des neuen Modells. Die Resilienz soll Auskunft geben, wie gut ein Land wirtschaftliche Schocks absorbiert und wie schnell es auf den normalen Weg zurückfindet. Der Faktor Einbindung beleuchtet, inwieweit alle Stakeholder von den Früchten der Wirtschaftstätigkeit zu zehren vermögen, zwangsläufig schimmern hier Verteilungseffekte durch. Die Nachhaltigkeit misst den ökologischen Fussabdruck. Der Aspekt Innovation zielt auf die Offenheit gegenüber neuen Entwicklungen, die dabei weit über technologische Neuerungen hinausgehen.
Rückstand bei Innovationen
Und das klassische Wirtschaftswachstum eines Landes? Es wird nicht explizit erwähnt in dem WEF-Modell. Seine Architekten meinen nach der Untersuchung von 107 Ländern, dass die meisten in einer Art und Weise wachsen, die weder nachhaltig noch inklusiv sei. Auf der global schwächsten Position rangiert allerdings die Innovation. Das Rating der einzelnen Länder birgt an der Spitze wenig Überraschendes. Die Staatengruppe mit einem hohen Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt von durchschnittlich 52’475 Dollar im Jahr 2023 wird beherrscht von den Mitgliedern des Industrieclubs OECD. Mit dabei sind erwartungsgemäss auch die Schweiz, die in der Innovation ganz vorne mitsegelt, sowie Deutschland, Frankreich und Italien. Eine überdurchschnittliche Resilienz zeigen Australien und Japan. Im klassischen BIP-Wachstum erreichten die wohlhabenden Länder in den Jahren 2018 bis 2023 einen jährlichen Durchschnittswert von 1,01 Prozent pro Einwohner. Die wenig beeindruckende Zahl erklärt sich wohl nicht zuletzt aus dem hohen Ausgangsniveau. Der Abstand zur Mittelklasse der untersuchten Staaten sticht nämlich ins Auge. Sie erreichten 2023 nur ein Pro-Kopf-BIP von durchschnittlich 17’900 Dollar und umfassen Staaten wie Argentinien, Mexiko, Indonesien, Südafrika und die Türkei. Nachhaltigkeit und Innovation werden in dieser Gruppe relativ klein geschrieben. Davon abgesehen hängen Fragezeichen über der politischen Stabilität, siehe Argentinien. Im BIP-Wachstum der vergangenen fünf Jahre brachte es diese Gruppe klassischer Schwellenländer auf immerhin 1,32 Prozent.
Hoffnung für nachrückende Schwellenländer
Die Abgehängten bilden Länder wie Ruanda, der Jemen und die Demokratische Republik Kongo, die ein Durchschnitts-BIP je Kopf von gerade einmal 1’533 Dollar schaffen. Sie ragen dem Bericht zufolge nur in der Kategorie Nachhaltigkeit heraus. Dahinter steht wohl keine besondere Anstrengung, sondern der zwangsläufig geringere ökologische Fussabdruck der Armen. Wenig Hoffnung gibt auch das reine BIP-Wachstum. Es betrug in den vergangenen fünf Jahren gerade einmal 0,22 Prozent je Kopf und Jahr. Besondere Hoffnungen begleiten die darüberstehenden schwächeren Schwellenländer. Staaten wie Ägypten, Pakistan, die Philippinen und Vietnam erwirtschafteten 2023 ein durchschnittliches Pro-Kopf-BIP von 7’633 Dollar. Als grösste Herausforderungen nennt die Studie des Weltwirtschaftsforums Mängel in der Technologieaneignung, schwache Sozialsysteme, Lücken in der Gesundheitsversorgung sowie ungenügende Investitionen in erneuerbare Energien. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Die erwähnten Länder mit den schwächeren mittleren Einkommen verzeichneten im Beobachtungszeitraum 2018 bis 2023 ein ansehnliches jährliches Durchschnittswachstum von 1,95 Prozent. Das ist fast doppelt so stark wie in den Industrienationen. Wer so abschneidet, sollte zum Beispiel auch ausländische Investoren anlocken. Fazit: Das BIP ist nicht alles, bleibt aber allen Weiterungen in den Messgrössen zum Trotz doch eine Schlüsselgrösse, um die Herausforderungen in Wirtschaftsnationen zu meistern.