Der lange Schatten von 9/11
Ein Vierteljahrhundert nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ist der Schockmoment Geschichte – die wirtschaftlichen Folgen aber nicht, warnt Santosh Brivio, Leiter Economic Research der Migros Bank. «Der unmittelbare Schock mag gewichen sein – in Staatsbudgets, Risikoprämien, Lieferketten, Versicherungsverträgen oder Zentralbankbilanzen hallt er noch immer nach.»
Was 2001 als Ausnahmezustand begann, ist laut Santosh Brivio längst institutionalisiert: Aus der einstigen Sicherheitslücke im öffentlichen Verkehr wurde mit der Transportation Security Administration (TSA) ein permanenter Staatsapparat mit über 50'000 Mitarbeitenden, aus einem ausserordentlichen Ereignis ein wiederkehrender Budgetposten. Allein das US-Department of Homeland Security – vor 9/11 nicht einmal existent – budgetiert für 2026 Vertragsausgaben von rund 61 Milliarden Dollar, mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. Brivio spricht von einer «staatlichen Ausgabespirale»: In der Krise steigen die Ausgaben kräftig, sinken danach aber nie mehr auf das alte Niveau zurück.
Von Kriegsschulden zu strukturellem Defizit
Die Terroranschläge von 9/11 verursachten mit rund 3'000 Opfern ein enormes menschliches Leid. Gleichzeitig bildeten sie das damals grösste versicherte Schadenereignis der Geschichte. Für New York City, wo zwei entführte Flugzeuge in Manhattans Twin Tower gesteuert wurden, belief sich der gesamte wirtschaftliche Schaden – Gebäude, Infrastruktur, verlorene Wertschöpfung, Notfallmassnahmen – auf rund 83 bis 95 Milliarden Dollar.
Santosh Brivio, Leiter Economic Research, Migros BankEin Anschlag vom Ausmass 9/11 würde heute vermutlich nicht ein Gebäude treffen, sondern als koordinierter Cyberangriff auf Banken, Zahlungsverkehr oder Energieversorgung erfolgen.
Die teuerste Spätfolge von 9/11 liegt laut Brivio aber nicht in Manhattan, sondern in Washingtons Staatsrechnung. Die Kriege in Afghanistan und Irak kosteten inklusive Veteranenleistungen und Finanzierung über 8 Billionen Dollar, während die US-Schuldenquote von 53,3 Prozent des Bruttoinlandprodukts (2001) auf heute rund 101 Prozent kletterte. Besonders alarmierend: Das strukturelle US-Budgetdefizit liegt 2026 bei rund 6,3 Prozent – der Staat gibt selbst bei guter Konjunktur deutlich mehr aus, als er einnimmt. Brivios Fazit: «Nicht jede neue Krise wird grösser. Aber die Reserve, mit der man ihr begegnet, wird kleiner.»
Billiges Geld als Wegbereiter der Finanzkrise
Die Fed senkte den Leitzins nach 9/11 rasch auf 1 Prozent – eine Reaktion, die laut Brivio nachvollziehbar war, aber Anreize verzerrte: Immobilienpreise stiegen, Risiken wurden zu wenig sorgfältig bepreist. «Aus der Krisenreaktion nach 2001 führte kein gerader, aber ein erkennbarer Weg zur Immobilienkrise, von dort zur globalen Finanzkrise von 2008», konstatiert Brivio. Anleger zahlten den Preis: Der US-Aktienindex S&P 500 brachte zwischen 2001 und 2011 nur 2,4 Prozent Jahresrendite, Gold hingegen 608 Prozent Gesamtrendite.
Schweiz: Swissair-Absturz, starker Franken
Auch die Schweiz blieb nicht unberührt: Die bereits geschwächte Swissair verlor durch die globale Luftfahrtkrise die letzte Finanzierung und wurde am 2. Oktober 2001 gegroundet, während Swiss Re zum Belastungstest für die gesamte Rückversicherungsbranche wurde. Und bis heute gilt der Franken in Krisenzeiten als sicherer Hafen – «kein Gratisprivileg», wie Brivio betont, da die Frankenstärke Exporteure wie Maschinenbauer, Uhrenhersteller oder Pharmaunternehmen belastet.
Nächster Schock könnte digital sein
Brivios zentrale These für die Zukunft: Ein Anschlag vom Ausmass 9/11 würde heute vermutlich nicht ein Gebäude treffen, sondern als koordinierter Cyberangriff auf Banken, Zahlungsverkehr oder Energieversorgung erfolgen. Die Gefahr eines digitalen «Cyber Run» – des raschen digitalen Abflusses von Einlagen bei Vertrauensverlust – ersetzt zunehmend die klassische Bankenschlange. Für die Schweiz mit ihren Finanzplätzen Zürich und Genf sowie ihrer exportorientierten Wirtschaft wäre dies ein Schock mit mehreren gleichzeitigen Übertragungskanälen.
Schweiz robust, aber nicht immun
Immerhin steht die Schweiz laut Brivio fiskalisch deutlich besser da als die meisten Staaten: Mit einer Schuldenquote von rund 37 Prozent des Bruttoinlandprodukts und einem meist ausgeglichenen Budget verfügt das Land über «ein echtes Polster, nicht nur ein statistisches». Doch auch das grösste Polster ersetze keine Widerstandsfähigkeit gegenüber globalen Schocks, ob real oder digital. Sein Schlussbefund: 25 Jahre nach 9/11 habe sich die latente Sorge vom physischen in den virtuellen Raum verschoben – mit der Bilanz «mehr Vorsorge, mehr Kontrolle, mehr Staatsausgaben, mehr Unsicherheit, mehr Schulden – und weniger Spielraum für einen nächsten Schock.»