Debatte über Russland – auf dem WEF vor 25 Jahren
Russland und der Nahost-Konflikt spielten schon zur Jahrtausendwende eine prominente Rolle auf dem World Economic Forum in Davos. Doch die Vorzeichen waren völlig anders als dieses Mal.
Ab heute richten sich wieder viele Blicke auf das Jahrestreffen des World Economic Forum (WEF) in Davos. Russland/Ukraine und der Nahe Osten bilden dabei die klaren politischen Schwerpunkte. Vor 25 Jahren war Russland schon einmal ein grosses Debattenthema in Davos. Doch welch ein Unterschied zu heute. 1999 ging es um wirtschaftspolitische Fragen, Russland erhielt wirtschaftliche Unterstützung und die Globalisierung der internationalen Beziehungen blieb intakt. Ministerpräsident Jewgeni Primakow trat in Davos als Redner auf und warb im Auftrag von Präsident Boris Jelzin vor einem ihm wohlgesonnenen Publikum um Vertrauen in sein Land.
Jürgen Dunsch, WirtschaftsjournalistWEF-Gründer Klaus Schwab hatte sich nach dem Zerfall der Sowjetunion um Russland als Hoffnungsträger sehr bemüht.
Die Werbung war bitter nötig. Im Sog der Asienkrise war auch Russland 1998 in die Bredouille geraten. Fallende Ölpreise auf den Weltmärkten drückten die Einnahmen des wichtigen Exporteurs. Eine stetig wachsende Kapitalflucht, Haushaltsdefizite und eine hohe kurzfristige Verschuldung zu steigenden Zinsen setzten dem Land zu. Internationaler Währungsfonds (IWF) und Weltbank eilten zu Hilfe. Dennoch musste Moskau im August 1998 die Stützung des Rubels aufgeben und den Staatsbankrott erklären; zu jener Zeit der grösste in der Geschichte, wie die NZZ 20 Jahre später bilanzierte. Erst ein rigides Sparprogramm unter dem ab September amtierenden Primakow leitete die Wende ein. Die Finanzmärkte fassten langsam wieder Vertrauen, die Inflation ging zurück, der Binnenmarkt begann, sich zu erholen. In Westeuropa herrschte in jener Zeit dagegen eine gute Stimmung. Vor allem der glatte Start des Euro sorgte auf dem WEF 1999 für Zuversicht.
Schwab hat sich lange um Russland bemüht
WEF-Gründer Klaus Schwab hatte sich nach dem Zerfall der Sowjetunion um Russland als Hoffnungsträger sehr bemüht. 1992 war eine Delegation des Forums extra dorthin gereist. Am Beginn der Rundreise stand ein Besuch von St. Petersburg. An dem Treffen nahm neben anderen weitgehend unbekannten Lokalpolitikern ein Mann namens Wladimir Putin teil, damals stellvertretender Oberbürgermeister der Stadt. Der Nahost-Konflikt sorgte in Davos gleich zwei Mal für Schlagzeilen. 1994 handelte Israels Aussenminister Schimon Peres mit Jassir Arafat, dem damaligen Chef der Palästinenservertretung PLO, einen Vertragsentwurf für die Gebiete Gaza und Jericho aus. Die Erinnerung bleibt im Gedächtnis der WEF-Teilnehmer haften: Peres und Arafat zeigten sich Hand in Hand auf der Bühne des Kongresszentrums. Der tosende Beifall der Anwesenden war ihnen sicher.
Die Brandrede von PLO-Chef Jassir Arafat
Welch ein Kontrast sieben Jahre später. Die Konferenzen in Camp David und im ägyptischen Taba 2000/2001 hatten die Hoffnungen auf ein dauerhaftes friedliches Miteinander bestärkt. Am 28. Januar 2001 reichten sich in Davos Peres, Arafat, UN-Generalsekretär Kofi Annan sowie Klaus Schwab versöhnlich lächelnd die Hände. Dann der Schock. Auf dem Podium verblüffte Arafat als Redner nach Peres die Zuhörer mit einer Brandrede gegen Israel. Für Schwab war es nach eigenem Bekunden «die grösste Enttäuschung» auf einem seiner Annual Meetings. Angeblich erwartete der Palästinenserführer, dass die versöhnungsbereite Arbeitspartei die anstehenden Wahlen in Israel verlieren werde. Jegliche Konzessionen seitens der PLO gingen daher ins Leere. Wie auch immer, der hoffnungsvolle Friedensprozess war von einer Minute auf die andere tot. Neun Tage später wählte Israel. Es siegte der Hardliner Ariel Scharon über den amtierenden Ministerpräsidenten Ehud Barak.