Gibt es ein WEF ohne Schwab?
Erstmals seit der Gründung im Jahr 1971 findet das World Economic Forum (WEF) ohne Klaus Schwab statt. Bedeutet das eine Zäsur?
Jedes Treffen des WEF Mitte Januar in Davos birgt Besonderheiten. Doch dieses Jahr treffen sie die Substanz. Erstmals, seitdem der junge Wirtschaftsprofessor Klaus Schwab 1971 die damals noch auf Europa konzentrierte Zusammenkunft organisierte, fehlt der Gründer. Nach den Querelen im vergangenen Jahr geschieht dies unfreiwillig, aber auf Dauer. Das WEF ohne Schwab, da kann trefflich über die Zukunft des Hochamts der globalen Eliten spekuliert werden. Wird aus der Weltverbesserungsanstalt ein blosses Networking-Event? Übernehmen die Geschäftemacher das Ruder? Macht der nach 2018 und 2020 zum dritten Mal einfliegende US-Präsident Donald Trump das Forum zu einem platten Werbeanlass für sich?
Amerikaner beherrschen schon lange Davos
Damit keine Illusionen aufkommen: Davos ist schon lange ein Amerika-Event. Bereits vor mehr als einem Dutzend Jahren betitelte ich einen Leitartikel in der FAZ mit «Ein amerikanisches Bergdorf namens Davos». Allein durch die Stärke ihrer Wirtschaft waren Manager und auch Politiker bis hoch zu Präsident Clinton stets in grosser Zahl dabei. Aber das Forum war eine globale Veranstaltung, und darauf legte Klaus Schwab grossen Wert. Dies galt trotz der PR-Auftritte zahlreicher Länder mit dem Schwerpunkt Investitionswerbung. Jetzt beherrschen die Amerikaner noch stärker das Feld und werden die Rekordbeteiligung am diesjährigen WEF prägen. Diese kommt nicht zuletzt durch Trump und seine ebenfalls anreisende Ministerriege zustande. Mit Blackrock-Chef Larry Fink, dem gute Kontakte zum Präsidenten nachgesagt werden, sind die Amerikaner auch neu in der Führungsspitze des Forums vertreten – zwar nur als Co-Vorsitzender und interimistisch neben Roche-Vize André Hoffmann und CEO Börge Brende, aber immerhin. Hingegen sollte Davos als Veranstaltungsort gegen unliebsame Gelüste weitgehend gefeit sein. Die einzige Verlegung – nach New York im Jahr nach dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 – liess das WEF zu einem Konferenzort wie jeder andere abgleiten.
Jürgen Dunsch, WirtschaftsjournalistErstmals seit der Gründung im Jahr 1971 findet das World Economic Forum (WEF) ohne Klaus Schwab statt.
Vielleicht macht man sich übertriebene Befürchtungen, wie stark sich das Forum zum Schlechteren verändern könnte. Klar, Schwab verfocht mit dem offiziellen Motto «committed to improving the state of the world» einen Anspruch, der schon immer etwas anmassend klang. Das Silicon Valley hat sich von Davos zum Teil verabschiedet und pflegt seine eigenen Ambitionen rund um die Welt. Die Russen sind nicht mehr erwünscht. Aber im Kern ist die Generalversammlung der Wichtigen in den Bergen eine globale Diskussionsplattform. Schwab war dafür wie geschaffen, persönlich zurückhaltend, politisch unabhängig und Konfrontationen auf dem Podium meidend. Seine «kritischen» Fragen an die Promis waren harmlos. Auf den Mann mit dem deutschen Pass konnten sich alle einigen. Die neue Führung muss hart für die Offenheit des WEF arbeiten. Sie ist ein hohes Gut, Eingriffe in das Programm der Veranstälter wären Dolche in die Struktur des Forums.
Trump und Konsorten spielen sicher mit dem Gedanken, mit ihrer Macht das Treffen auf neutralem Grund zu kapern. Dies würde das einzigartige Geschäftsmodell, das dieses Jahr 3’500 Vertreter aus gut 130 Ländern anzieht, vom allseits akzeptierten Makler des Dialogs zur Propagandamaschine machen. Hohe Teilnehmerzahlen wären weiterhin wie auf dem jährlichen «Sommer Davos» in China sicher. Aber es wären Zusammenkünfte in Einflusszonen und zu Spezialthemen, nicht mit dem weiten Blick in die Welt. All das, was nicht möglichen «Deals» dient, käme wohl auf den Prüfstand. Das gilt nicht zuletzt für die Denkanstösse aus den verschiedensten Vorträgen und Podiumsdiskussionen im reichen Tagungsprogramm, die auch Manager – entgegen landläufiger Meinung – schätzen und die globale Gesellschaft widerspiegeln. Gleichermassen ist fraglich, was aus solchen Untergruppen wie die der sozialen Unternehmer und der Young Global Leaders würde. Die Crystal Awards für Kulturschaffende sind schon gestrichen.
Schwab ohne das WEF
Das WEF arbeitet künftig ohne Klaus Schwab. Aber was macht Schwab ohne das WEF? Der 87 Jahre alte Altmeister der Kontaktpflege ist tatendurstig wie eh. Nach seinen Worten will er das in die Zukunft greifende konzeptionelle Rahmenwerk für Diskussionen in Davos weiter befruchten. Seit neuestem tritt er in der Verbindung als Gründer des World Economic Forum und Leiter der neuen Schwab Academy auf. Ein erstes Highlight soll sein jüngstes Buch werden, das kurz vor der Davos-Woche erschien. Es trägt den Titel «Restoring Truth and Trust», auf gut Deutsch die Wiederherstellung von Wahrheit und Vertrauen. Unter den Fans von Schwab und Spurensuchern nach Enthüllungen aus der zurückliegenden Schlammschlacht wird das Buch sicher seine Leser finden. Doch Schnüffler dürften enttäuscht werden. Schwab begreift sein Buch als «Erläuterung für den disruptiven Umbruch vom industriellen zum intelligenten Zeitalter» und Teil einer Serie, mit der er zu seinen Wurzeln als akademischer Denker zurückkehre. In seiner gewohnten Art sieht er auch jetzt vor allem Chancen für eine bessere Welt.