Schindler: Das Erfolgsmodell in einer Welt ohne Superman
Solange wir keine Superkräfte wie Clark Kent entwickeln, bleiben Personen- und Lastenaufzüge ein gutes Geschäft.
Der globale Markt für Aufzüge ist stark konsolidiert: die vier grössten Unternehmen – Otis, Schindler, Kone und TK Elevator – kontrollieren rund 60% des Marktes. Das Geschäftsmodell von Schindler umfasst den gesamten Lebenszyklus eines Aufzugs: von der Installation neuer Anlagen über die Wartung bis hin zur Modernisierung.
Der Bau
Die Nachfrage nach neuen Anlagen hängt von der Bautätigkeit ab. Obwohl Aufzüge nur einen Bruchteil der Neubaukosten ausmachen (weniger als 5%), haben sie eine Lebensdauer von 25 Jahren oder mehr. Die einmaligen Einnahmen aus Neuanlagen machen bei Schindler schätzungsweise 40% des Umsatzes aus. Schindler hat weltweit rund 2 Millionen Aufzüge und Fahrtreppen installiert und verfügt über Wartungsverträge in derselben Grössenordnung.
Die Wartung
Die Wartungsaktivitäten von Schindler machen etwa 45% des Umsatzes aus und bringen den Löwenanteil des Gewinns ein. Sobald ein Gebäude fertiggestellt und bezogen ist, ist der zuverlässige Betrieb der Aufzüge unverzichtbar. Aus diesem Grund ist eine regelmässige Wartung zwingend. Die meisten Wartungsverträge machen nur einen kleinen Teil der gesamten Betriebskosten eines Gebäudes aus, die Gewinnspannen bei Wartungsverträgen liegt aber bei über 20%. Es kommt noch besser: diese Verträge werden im Voraus bezahlt.
Beat Keiser, Head of Equities, Rothschild & Co BankSchindler konzentriert sich stärker auf Europa, Kone auf China und Otis sowie TK Elevator auf den amerikanischen Kontinent.
Derzeit ist etwa ein Drittel der Aufzüge von Schindler vernetzt. Sensoren entdecken darin unerwünschte Vibrationen und ermöglichen eine vorausschauende Wartung. Dies optimiert die Verfügbarkeit der Anlagen. Vernetzte Anlagen rechtfertigen gleichzeitig höhere Wartungspreise. Gute Aussichten also für das Unternehmen.
Modernisierung
Dieser Bereich macht etwa 15% des Gesamtumsatzes aus und hat eine Gewinnspanne, die nur geringfügig über der von Neuanlagen liegt. Der einmalige Verkauf von neuen Installationen stärkt die Basis des Anlagenportfolios, die für jahrzehntelange wiederkehrende Einnahmen aus Wartungsverträgen mit einer hohen Ertragstransparenz sorgt. Die Aufzugsbranche ist ein oligopolistischer Markt, in dem die Hauptakteure rational handeln. Die Unterschiede zwischen den Anbietern sind oft subtil, da das Produktangebot vergleichbar ist und technologische Innovationen schnell kopiert werden. Schindler konzentriert sich stärker auf Europa, Kone auf China und Otis sowie TK Elevator auf den amerikanischen Kontinent. Um die Basis ihrer installierten Anlage zu vergrössern, fokussieren sich die Unternehmen oft auf Länder mit hoher Bautätigkeit. Die letzte «Eroberung» in diesem Sinne war der chinesische Markt, und es bleibt abzuwarten, wie sich dieser Markt weiterentwickeln wird.
Aus Fehlern gelernt
Das Management und die Unternehmenskultur sind weitere wesentliche Unterscheidungsmerkmale, die erhebliche Auswirkungen auf Rentabilität und Wachstum haben. In der Vergangenheit lagen die Margen für Neuanlagen bei Schindler hinter denen des Branchenführers Otis, nämlich im niedrigen einstelligen Bereich. Um diese Margenlücke zu schließen, entwickelte Schindler einen Plan zur Modularisierung des Produktangebots. Obwohl der Plan theoretisch vielversprechend war, scheiterte die Umsetzung. Kunden wurden mit zu vielen Optionen konfrontiert, was zu aufgeblähten Lagerbeständen und unnötiger Produktionskomplexität führte. Das Ergebnis war, da das Lagerhaltungssytem von Schindler die unzähligen Teile nicht mehr effizient erfassen konnte. Diese Probleme traten gleichzeitig mit den durch Covid bedingten Lieferkettenproblemen und dem Anstieg der Rohstoffpreise auf, was die Gewinnspannen bei Neuanlagen weiter verschlechterte. Zudem wurden beim Vertrieb häufig Rabatte auf die Listenpreise gewährt, wodurch gerechtfertigte Preiserhöhungen zur Erreichung persönlicher Ziele geopfert wurden.
Turnaround
Ende 2021 schrillten beim Verwaltungsrat von Schindler die Alarmglocken, und Silvio Napoli wurde in die Funktion des CEO zurückgeholt. Im Jahr 2022 sank die operative Marge des Schindler-Konzerns zum ersten Mal seit 2007 unter die 10%-Marke. Napoli ergriff sofort Massnahmen, um die Situation zu verbessern. Seine erste Handlung war Konzentration auf Rentabilität. Eine davon war Neukonzeption des Modularisierungsprogramms, die die Anzahl der benötigten Teile um 40% reduzierte, während das gesamte Produktsortiment erhalten blieb. Mit diesem Schritt wurde die Komplexität von Lager und Produktion verringert, gleichzeitig stabilisierten sich die Gewinnspannen. Zusätzlich straffte Napoli das Management und setzte klare Ziele. Das Führungsteam wurde von 16 auf 10 Personen verkleinert und die Richtlinien für den Vertrieb verschärft, um Preiserhöhungen durchzusetzen. Wir teilen die Einschätzung des CEOs, der kürzlich in einem Interview erklärte, dass Schindler Anfang 2022 eine Notlandung erlebt hat. Seitdem hat sich viel verändert, und wir sind überzeugt, da das Unternehmen von seinem Selbsthilfeprogramm profitieren wird. Wir erwarten eine langfristige Verbesserung der Profitabilität vom derzeit niedrigen Niveau in den mittleren Zehnprozentbereich. Ausserdem ist die aktuelle Bewertung von Schindler mit einem KGV von 20x attraktiv. Dieses liegt deutlich unter demjenigen der Wettbewerber.
Zusammenfassend ist die Aufzugsbranche aus unserer Sicht ein solides Geschäft, bei dem Einmalkosten eine geringere Rolle spielen und die langfristig durch wiederkehrende Wartungseinnahmen profitieren wird. Solange wir keine Superkräfte entwickeln, sehen wir nur ein geringes Risiko, da Aufzüge überflüssig werden.